Agnes Rehor

Agnes Rehor "Mein Tagebuch"

9. Juli 2019

Wie wir die Namen unserer Kinder fanden


Vor der Namenswahl stehen alle jungen Eltern. Manche Wahl fällt leicht, manchmal ist es ganz schön schwierig sich zu einigen. Und manchmal versteckt sich hinter einem Namen auch eine ganze Geschichte.

Wie finden wir den richtigen Namen für unser Kind?

…haben wir uns in der Schwangerschaft gefragt. Dabei hatte ich mir davor schon so oft überlegt, wie meine Kinder wohl heißen würden. Aber jetzt wurde es ernst. Eine Entscheidung sollte getroffen werden – und da ich ein sehr ungeduldiger Mensch bin, möglichst bald, und nicht erst im Kreißsaal. Also schrieb ich eine Namensliste. Mit System: zu (fast) jedem Buchstaben des Alphabets schrieb ich einen Mädchen- und einen Bubennamen auf, der mir mit diesem Anfangsbuchstaben am besten gefiel. Agatha, Bernadette, Carola… Daniel, Emanuel, Florentin… viele Namen kamen da zusammen. Weggelassen habe ich jene, die es in unserem Bekanntenkreis schon gab. Mein Mann ergänzte die Liste etwas, vor allem aber strich er alle Namen durch, die für ihn gar nicht in Frage kamen.

(c) iStock

Auf’s Bauchgefühl hören

Beim Bubennamen stand die Wahl schnell fest. Wir hatten nur eine einzige Übereinstimmung. Die Liste der Mädchennamen war noch immer lang. Viele schöne Namen. Helene gefiel uns beiden ausgesprochen gut. Wir hatten wirklich nichts daran auszusetzen. Doch dann meldete sich mein Bauchgefühl. Und das sagte: Helene ist schön, aber das Kind hier im Bauch – das ist keine Helene. Die Namenswahl war für mich eigentlich keine Wahl mehr. Sondern viel mehr ein Prozess, in dem es darum ging, den Namen zu finden, der zu diesem Kind in meinem Bauch gehörte. Diesem Kind, welches ich gerade erst anfing durch seine zarten Bewegungen kennenzulernen. „Ach, ist doch nur ein Name! Ist doch nicht so wichtig!“, dachte ich mir. Trotzdem: wo immer ich Namen finden konnte, saugte ich sie in mich auf.

Und dann bekam eine Freundin ihr Baby. Ihr Baby, dessen Namen eigentlich schon relativ fest stand, und das nun doch anders hieß. Dadurch wurde ein Name „frei“, den ich wegen der Nähe zur Freundin eigentlich ausgeschlossen hatte: Charlotte. Ich spürte, dass wir jetzt den richtigen Namen gefunden hatten! Gott sei Dank, mein Mann fand ihn auch toll.

Gibt es Zufälle?

Manchmal bekommt man vom Leben kleine Geschenke. Vermutlich sogar relativ oft, man erkennt sie bloß nicht immer als solche. Ein solches Geschenk bekam ich als Extra bei der Geburt unserer Tochter dazu. Das Geschenk war ihre Geburtsminute. Sie kam am 7.1. um 7:17 Uhr auf die Welt. Und ihr Namenstag, also der Gedenktag der Heiligen Charlotte, ist am 17.7. Das sind nur Zahlen. Die sind nicht wichtig. Aber manchmal hat man an unwichtigen Dingen besonders viel Freude. Ich war dem lieben Gott jedenfalls sehr dankbar für dieses Detail.

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Charlotte bedeutet „kleine Tüchtige“. Tüchtig. Während dieses Wort davor irgendwo in meinem passiven Wortschatz schlummerte, war es plötzlich überall. Die Krankenschwester, die Kinderärztin, der Opa – alle fanden unser Löttchen von Anfang an tüchtig. Beschreiben Worte die Wirklichkeit, oder schaffen sie diese? Jedenfalls war Charlotte zwei Jahre danach auch eine richtig tüchtige große Schwester.

Wieder ganz von Vorne

Ihr kleiner Bruder hatte es namenstechnisch natürlich nicht so einfach in die Fußstapfen der großen Schwester zu treten. Wir begannen wieder bei Null, mit einer neuen Alphabets-Namensliste. Bei S stand zwar wieder Severin, der Name, den unsere Charlotte als Bub bekommen hätte, aber für uns war er jetzt irgendwie verbraucht. Da war halt wieder das Gefühl: der Name gehört nicht zu diesem Kind, so schön wir ihn auch finden. Sehr unspektakulär blieb auf der Bubenseite der Liste wieder nur ein Name übrig, der uns beiden gefiel: Benedikt. Der Name stand fest. Das Grübeln war beendet, diesmal ohne Special Effects.

Gedanklich waren wir leider auch wirklich wo ganz anders. Denn in dieser Schwangerschaft waren wir mit einigen Todesfällen im Umkreis konfrontiert. Ein junger Familienvater starb. Eine gute Freundin verlor ihr Baby. Das Baby anderer Freunde verstarb kurz nach seiner Geburt. Wir waren tief betroffen. Traurig und fassungslos. Mir war klar, dass das Kind in meinem Bauch diese Gefühle mitbekommt. Und das tat mir wahnsinnig leid. Wie viel lieber hätte ich ihm stets Freude und Zuversicht weitergegeben!

Doch auch hier bekam ich wieder ein Geschenk von oben. Zum einen stieß ich damals zufällig in einem Newsletter auf einen Satz, der mich beruhigte. Da stand: Der Hl. Benedikt machte es für seine Mönche zur Regel, jeden Tag den Tod vor Augen zu haben. Er gehört halt unweigerlich zum Leben dazu. Zum anderen durfte ich aber auch in dieser emotional verunsichernden Zeit immer spüren, dass es meinem Baby gut geht. Meinem Benedikt – dem Gesegneten.



EIN ARTIKEL VON
  • Agnes Rehor

    Ich bin Kindergarten- und Hortpädagogin und habe Diätologie studiert. Seit 2013 bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Nach den Babyjahren sind wir aus Wien hinaus in Häuschen mit Garten gezogen. Ich begeistere mich für die Natur und ihren Schutz, beschäftige mich damit, wie Beziehungen gelingen können und brenne für unkonventionelle Ideen.


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