Maria Lang

Maria Lang "Mein Tagebuch"

Bettler - meinefamilie.at
11. April 2016

Wie gehe ich mit Bettlern um?


Ich bin eindeutig keine Großstadtpflanze, auch wenn ich schon für einige Zeit in Metropolen wie Paris oder Kalkutta gelebt habe. In unserer Kleinstadt, wo wir momentan leben, gibt es so gut wie keine Obdachlosen oder Bettler. Doch wenn ich mit den Kindern nach St. Pölten oder Wien fahre, begegnen wir immer wieder Menschen, die um Geld betteln. Wie gehe ich damit um?

Für mich ist es keine gute Lösung, einfach vorbeizugehen.

Die Menschen sind in Not und da möchte ich zumindest eine Kleinigkeit geben. Andererseits gebe ich nur ungern Geld. Bei unserem Hilfseinsatz in Indien vor 15 Jahren wurden wir Freiwilligen dazu angehalten, den Bettlern möglichst frisches Obst oder andere Nahrungsmittel zu geben. Geld würden Männer eher für Alkohol ausgeben und den Frauen würde es ohnehin abgenommen, hieß es.

Obst statt Geld

Deshalb habe ich es mir angewöhnt, immer ein paar Stück Obst in der Tasche zu haben, wenn ich in eine Großstadt fahre. Meine Jungs wissen auch schon Bescheid, wie ich das handhabe. Sobald sie am Bahnhof oder in der U-Bahn jemanden betteln sehen, bitten sie mich um eine Orange oder was immer ich in der Tasche habe, um sie dem Menschen mit einem freundlichen Lächeln in die Hand zu drücken. Die meisten Bettler freuen sich darüber, nur einige wenige Male wurden meine gesunden Spenden abgewiesen. Ich weiß, dass diese kleinen Gesten nur winzige Tropfen auf dem heißen Stein der Armut sind.

Ich bilde mir nicht ein, auf diese Art groß die Not zu bekämpfen. Aber was wir dadurch bekämpfen, ist die schleichende Gleichgültigkeit in unseren Herzen.

Mir ist es wichtig, auch im Hinblick auf unsere Kinder, dass wir aufmerksam und sensibel bleiben für andere. Zu schnell bekommt man im täglichen Großstadtstress eine sehr dicke Haut und beginnt, solche Umstände bzw. Menschen zu ignorieren. Mein wirkungsvolles Gegenmittel: Mandarinen und Orangen. Für meine nächste Wien-Fahrt hab ich übrigens auch ein paar Ostersüßigkeiten eingepackt. Die sind nicht so gesund, aber wohltuend für die Seele…  :-).

Lies nächsten Montag in Maria Langs Tagebuch: Abschied nehmen von Urli-Oma.

  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung sozial in Indien tätig. Nun unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


    Zum Tagebuch des Autors

Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at