Markus Stegmayr

Markus Stegmayr "Mein Tagebuch"

11. Juni 2019

Wie wir als Familie mit Trauer umgehen


Eigentlich will man seine Kinder ja beschützen – vor allem davor erkennen zu müssen, dass das Leben zerbrechlich ist und liebe Menschen aus ihrem nahen Umkreis ganz plötzlich nicht mehr da sein könnten. Doch was tun, wenn sich das nicht vermeiden lässt?

Auf einmal war alles anders. Der geliebte Mensch, der so viel Zeit mit den Kindern verbracht hat, ist plötzlich nicht mehr. Er ist, für uns völlig unverständlich, freiwillig aus dem Leben geschieden. Als wir es den Kindern erzählen, sind sie so fassungslos, dass sie gar nicht richtig weinen können. Die genauen Umstände seines Freitodes erklären wir ihnen nicht, es wäre zu bedrückend und unerträglich für sie. Allein die Vorstellung, dass er noch vor wenigen Tagen bei ihnen war und sich kurz danach endgültig dazu entschloss sich umzubringen, ist beklemmend und irritierend genug für sie.

Was tun?

Und jetzt? Es ist ausgesprochen. Die Kinder anzulügen war schließlich nie ein Thema. Aber können sie mit der Wahrheit überhaupt umgehen? Ist der Schock zu groß? Doch was wäre gewesen, wenn wir ihnen gesagt hätten, dass ihr Babysitter einfach nicht mehr kommt, weil er ab sofort keine Zeit mehr hat? Sie wären wohl später auch von Verlustängsten geplagt worden. Ein Mensch, den sie liebten, hat sie einfach so im Stich gelassen. Dass er sich entscheidet freiwillig „zu gehen“, erscheint uns aber nicht wirklich erträglicher, aber zumindest ehrlicher.

Von Anfang an versuchen wir nicht zu trauern, sondern auch dankbar zu sein – zu beten. Gemeinsam an ihn zu denken. Uns an die Jahre, die wir mit ihm hatten, zu erinnern. Er hat mit den Kindern gespielt, einige kreative Spiele überhaupt erst entwickelt, mit ihnen gesungen und sie ins Bett gebracht. Seine spontanen, oftmals wagemutigen Ausflüge in die Berge bleiben legendär und veranlassen uns in der ganzen Trauer auch zu einem Lächeln und zu einem kurzen Auflachen.

Die Zwischenzeit

Die Zwischenzeit ist hart. Die Zeit bis zur Beerdigung. Immer wieder, meist wenn wir glauben es sei wieder so etwas wie Alltag eingekehrt, kommen Erinnerungen an ihn hoch, die uns traurig und auch glücklich machen. Meist sind es Fragmente, Aussagen von ihm, Ideen. Wir sind dankbar, dass diese Ideen und seine skurrilen Einfälle nach wie vor Teil unseres Lebens sein dürfen. Wir sind unendlich traurig, dass dieser Strang aber abreißt und es keine neuen Ideen und Überraschungen mehr geben wird. Warum dieser kreative Mensch nicht mehr leben wollte, bleibt für uns auch Tage nach der Hiobsbotschaft unerklärlich.

Gedämpfte Tage

Die Tage seit der Nachricht wirken seltsam gedämpft. Ein wenig erscheint es uns so, als ob wir uns selbst beim Alltag spielen zuschauen würden. Aber in diese Stimmung mischt sich auch eine merkwürdige Wachheit, die wir nicht wirklich beschreiben können. Es ist eine Art von Wachheit. Eine Wachheit, die uns hinlenkt zu Dingen, die wirklich wichtig sind. Wir sind in diesen Tagen in der Lage, zu unterscheiden zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Viele Probleme, die uns noch vor kurzem wichtig erschienen, haben plötzlich eine andere Gewichtung.


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