Markus Stegmayr

Markus Stegmayr "Mein Tagebuch"

4. August 2020

Was tun, wenn das Kind selbständig wird?


Es gibt einen konkreten Zeitraum, in dem Kinder zu Jugendlichen werden. Das ist auch die Zeit, in denen sowohl Kinder als auch Eltern mit der neu etablierten Selbständigkeit leben und umgehen lernen müssen.

Noch vor wenigen Jahren war die Sache klar: Wenn das Kind auswärts schläft, dann schlafen Eltern wie auf Nadeln. Funktioniert es oder übermannt die Tochter das Heimweh und man muss mitten in der Nacht ausrücken, wahlweise Trost spenden oder Taxidienst spielen und das Kind wieder nach Hause holen. Gut denkbar auch, dass in der größten Not schon ein längeres Telefonat den erwünschten Erfolg bringt und die restliche Nacht ruhig verläuft.

Wann hat es eigentlich angefangen, dass sich diese Situation grundlegend geändert hat? Als Elternteil kann man darüber reflektieren, kommt aber zumeist auf keinen grünen Zweig. Vermutlich war es ein schleichender Prozess. Jetzt, da die Tochter gerade 12 geworden ist, scheint ihr dadurch noch ein zusätzlich Selbständigkeits-Boost entstanden zu sein.

Große Veränderungen, veränderte Erwartungshaltungen

Bei der letzten Übernachtungsparty konnte sie es jedenfalls gar nicht erwarten, bis sie endlich bei ihrer Freundin war. Vorschläge, dass man die ganze Nacht das Handy eingeschalten lassen wird, wurden dankend mit dem Kommentar „Was soll schon passieren“ abgelehnt. Dass man sie zum Zuhause der Freundin begleiten muss, ist ohnehin schon länger passé. Tarnt man diese Ambitionen dadurch, dass man vorgibt ihr beim Tragen der vielen Sachen helfen zu wollen, enttarnt sie zudem sofort und mit einer glasklaren analytischen Schärfe.

Und noch etwas schon sich geändert zu haben: Gastgeschenke an die Gastgebereltern sind vorbei und irgendwie peinlich. Zumindest werden solchen Ideen von unserer Tochter konsequent und vehement abgeschmettert. Unsere dahingehende Theorie ist eigentlich schon klar: Es ist deshalb peinlich, weil dadurch eigentlich Eltern mit den anderen Eltern kommunizieren.

Soll heißen: Eltern drücken die Dankbarkeit den anderen Eltern gegenüber aus, dass das eigene Kind, obwohl es manchmal schwierig ist, bei ihnen übernachten darf. Das entmündigt das stetig erwachsend werden wollende Kind natürlich gewissermaßen bzw. fühlt es sich entmündigt. Mädchen, und wohl auch Jungs, in einem gewissen Alter möchten Vereinbarungen unter sich treffen. Eltern sind da eigentlich nur Beiwerk, die den Rahmen vorgeben dürfen, aber in diesen nicht allzu sehr eingreifen.

Sich zurücklehnen und loslassen

Was kann man also als Elternteil tun? Meine Antwort ist an sich einfach: Einfach zurücklehnen und sich statt in eine überwachsende oder zumindest übermäßig wachsame Funktion in die Funktion eines beratenden Rahmengebers begeben.

Es ist sinnvoll, groben Zeiten auszumachen, bis wann die Tochter wieder zuhause sein sollte. Es ist aber sicherlich nicht ratsam und adäquat, stündlich anzurufen um nachzufragen, ob alles in Ordnung ist. Wer das tut, der untergräbt nicht nur die so wichtigen Autonomiebestrebungen von jungen Menschen, sondern suggeriert auch, dass das Vertrauen in den eigenen Nachwuchs nicht sonderlich gut ausgeprägt ist.

Am friedvollsten und für beiden Seiten am besten verlaufenden also solche Übernachtungs-Zeiträume, in denen man sich gegenseitig Freiräume lässt und Respekt vor den jeweils unterschiedlichen Erwartungshaltungen walten lässt.

Das Kind bzw. der/die Jugendliche sollte bestenfalls Verständnis dafür haben, dass Eltern immer irgendwie auf Nadeln sitzen und sich immer irgendwie Sorgen machen. Eltern sollten, auch wenn es ihnen manchmal schwer fällt, Vertrauen und Freiraum als zentrale Aspekte des eigenen Handelns forcieren. Auch wenn das für beide Seiten nicht allzu leicht fallen mag: Es ist möglich! Mit Verständnis und Akzeptanz. Mit Weitsicht statt Strenge und dennoch mit einer gehörigen Portion Verantwortungsbewusstsein. Denn Weitsicht hat nichts mit Leichtsinn zu tun? Es empfiehlt sich dennoch sich genau anzusehen, bei wem die Tochter oder der Sohn in den Nächten auswärts Unterschlupf findet.

Und noch etwas: Der „Stillstand“ in der Entwicklung des Kindes/der Jugendlichen ist damit noch nicht erreicht. Es sind nur erste Manifestationen eines Autonomieprozesses, der manchmal für Eltern auch verletzend sein kann.



EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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