Agnes Rehor

Agnes Rehor "Mein Tagebuch"

nichtstun - meinefamilie.at
10. März 2019

Warum wir einfach mal Nichts tun sollten


Seit ich Mutter bin, habe ich vieles gewonnen. Aber auch einiges verloren. Zum Beispiel Gelegenheiten zum Nichtstun. Ein Appell an alle Eltern, warum diese so wichtig sind!

Konnte ich früher im Schwimmbad einfach mal die Augen schließen und mich von der Sonne kitzeln lassen, gilt es jetzt mit höchster Konzentration zwei Kinder zu bewahren: vorm Ertrinken, einem Hitzschlag oder den lauernden Wespen auf der Wiese. Auch zuhause ist Abschalten schwierig. Schließlich gibt es jetzt viel mehr Wäsche zu waschen, Bröseln zu saugen und Dinge zu ordnen. Und zu kaufen! Kinder wachsen, Eltern kaufen: neue Schuhe, neue Kleidung, neues – altersadäquates – Beschäftigungs- und Lernmaterial. Kinder zu haben ist wirklich ein Vollzeitjob! Neben dem aber auch noch das Geld für den Schwimmbadbesuch, die Waschmaschine, die Schuhe und die Bilderbücher erwirtschaftet werden sollte. Und nachdem selten jemand fürs Nichtstun bezahlt wird, heißt es auch im Job: planen, ordnen, kaufen, verkaufen usw.

Nichtstun ist out. Gesellschaftlich unerwünscht.

nichtstun2 - meinefamilie.atWie sonst kann ich mir erklären, dass ich ständig meine „Story“ auf Instagram pflegen soll oder zumindest mal nachschauen sollte, was andere Leute mit ihrer Zeit so anfangen. Sicher nicht nichts, so viel ist klar. Aber auch wenn ich den virtuellen Versuchungen widerstehe und in den fünf Minuten Wartezeit auf den Bus nicht das Smartphone zücke, wird – zumindest in Wien – schnell dafür gesorgt, dass meine Langeweile durchkreuzt wird: Werbescreens in den Bussen, die mich zwangsbeglücken, Gratiszeitschriften in jeder zweiten Sitzreihe, deren Schlagzeilen weit davon entfernt sind, irgendeinen Mehrwert für mich zu enthalten. Um sich dem zu entziehen bleibt oft nur Augen schließen. Das kommt in der Öffentlichkeit aber auch nicht so gut. Kurzsichtige wie ich sind hier klar im Vorteil. Ich nehme einfach meine Brille ab. Aus Selbstschutz. So kann ich noch erkennen, wenn jemand an mir vorbei möchte, entgehe aber der optischen Zwangsberieselung durch oberflächliche Berichterstattung.

Nichtstun ist out. Aber großartig.

Denn Nichtstun öffnet einem eine Tür in eine andere Welt. In MEINE Welt. In die Welt meiner Gefühle, Erinnerungen, Träume, Ziele, Werte, Ängste. In die Welt der vielen tausenden Erlebnisse, die in meinem Gedächtnis irgendwo abgespeichert sind. Ebenso wie das viele Wissen, dass ich mir im Laufe meines Lebens angeeignet habe. In diese Welt möchte ich reisen. Regelmäßig. Damit ich nicht zu einer Marionette der Gesellschaft werde.

Schon klar: Stillstand gibt es nicht.

Das Leben geht immer weiter. Doch wir brauchen Pausen, um sehen zu können, ob wir mit dem, was wir tun, eigentlich noch nach unseren eigenen Werten und Zielen handeln. Denn wenn wir unserem Denken und Handeln keine Richtung vorgeben, dann tun es andere für uns: Arbeitskollegen, Nachbarn, Freunde, der Facebook-Feed, die Gesellschaft. Sie alle haben Einfluss auf unser Leben. Das ist ganz natürlich. Und auch nicht schlecht. So lange wir uns dessen bewusst sind und immer wieder das Gehörte, Gelesene und Erlebte mit unseren eigenen Werten und Zielen abgleichen. Das passiert nämlich nicht automatisch.

Ich habe einen tollen Vergleich gelesen:

„In einer Kultur zu leben, macht uns auch zu einem Teil dieser Kultur. Das ist genauso, wenn wir in ein Gasthaus gehen und unsere Kleider den Geruch des Lokals annehmen.“ (aus: Familie als Berufung, Herbst 2018, S.10)

Wir bemerken den Geruch, wenn wir in das Lokal kommen. Doch schnell gewöhnen wir uns daran. Solange wir selbst in der Gaststätte sind, bemerken wir gar nicht, dass wir auch schon nach Suppe, Rauch oder Frittierfett duften. Oft merken wir es auch nicht gleich, wenn wir nach Hause kommen. Wir hängen die Jacke auf und gehen erstmal schlafen. Am nächsten Morgen ist der Geruch dann immer noch da. Und plötzlich kann man es selbst wieder deutlich riechen – und die Jacke auslüften.

So ist es auch mit unseren Zielen und Werten

Wenn ich mir nicht die Zeit nehme für Erholung, Reflexion und Innehalten, dann kann es leicht passieren, dass ich Werte vermittle, die gar nicht meine eigenen sind, oder dass ich fremden Zielen hinterher jage.

Ein Beispiel aus meinem Alltag: Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich, wenn meinen Kindern bei Freundinnen oder im Wartezimmer der Kinderärztin ein Spielzeug gefällt, darüber nachdenke, ihnen das auch zu kaufen. Mein Suchverlauf auf willhaben kann ein Lied davon singen. Doch ist es mir eigentlich wichtig, dass meine Kinder alles haben, was ihnen gefällt? Bin ich nicht viel eher der Meinung, dass meine Kinder gar nicht so viel brauchen, um sich gut zu entwickeln und ausreichend gefördert zu werden? Habe ich nicht genug andere Ideen, wie ich ihnen eine Freude machen kann? Reicht es nicht, wenn die Kinder das schöne Buch eben nur bei der Kinderärztin lesen? Eigentlich schon. Es ist vielmehr so, dass ich es selbst immer wieder erlebt und gehört habe: „Die Magnetbuchstaben haben ihnen bei euch so gut gefallen, jetzt habe ich auch welche gekauft!“ oder „Schau mal unter dem Link. Das hat Marie jetzt im Kindergarten probiert. Sie hat so nett damit gespielt! Jetzt überlege ich ihr auch so was in der Art zu besorgen.“

Ich möchte es eigentlich anders machen. Ich möchte meinen Kindern die Möglichkeit geben, sich auch noch aktiv etwas zu wünschen und auf etwas warten zu können. Es ist doch auch schön, wenn sie mit Vorfreude auf den kommenden Arzttermin blicken, weil sie dann wieder die vielen Lausemaus-Geschichten hören können. Doch Warten und Verzicht sind – trotz Marie Kondo – gerade nicht en vogue.

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen…“

Diesen Satz von Astrid Lindgren – meiner absoluten Lieblings-Kinderbuchautorin – sollten sich vielbeschäftigte Mütter, wie ich, deutlich sichtbar zuhause aufhängen. Und dann öfter mal einen Ausflug ins „Narrenkasterl“ machen. Das ist ein sehr toller Ort, an dem man plötzlich die Brösel unter und die Unordnung um den Tisch gar nicht mehr sieht. Dafür vielleicht die ein oder andere Erkenntnis findet. Mir begegnet dort zum Beispiel öfter mal der Gedanke: „Äh…warum hetze ich die Kinder eigentlich so beim Außer-Haus-Kommen? Ist Schnelligkeit für mich überhaupt ein Wert? Finde ich es nicht eher selbst unangenehm, dass im Alltag ständig, hop-hop, am besten sofort, wenn nicht schon gestern, alles erledigt sein soll?“ Angesicht des Namens – Narrenkasterl – ist es aber wohl nicht weiter wunderlich, dass wir uns nicht so oft freiwillig auf den Weg dort hin begeben und mal einfach nichts tun.

Dabei ist Nichtstun wie Googeln – nur innerlich. Meine Anliegen sind meinem Inneren ohnehin bekannt. Und wenn ich diesem Zeit gebe, scrollt es durch all meine Erfahrungen und findet mit ziemlicher Sicherheit eigene Antworten und Ideen auf meine Fragen. Ganz ohne bezahlte Anzeigen dazwischen.

Nutzen wir unser Potential! Und machen wir mal einfach nichts. Eine künstlerische Pause. Denn unser Leben selbst zu gestalten und unseren Kindern ein gutes Rüstzeug an Werten und Erfahrungen mitzugeben – das ist eine Kunst!


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