Gottfried Hofmann-Wellenhof

Gottfried Hofmann-Wellenhof "Mein Tagebuch"

Warum muss ich sterben - meinefamilie.at
15. November 2016

Warum muss ich sterben? Wenn Kinder fragen


Anlässlich des Todestages meines Vaters gehe ich mit Anna (6) und Jakob (3 ½) auf den Friedhof. Als wir vor dem Grab stehen, fragt mich meine Tochter: „Gell, Papa, alle Menschen müssen sterben.“ – „Ja, Anna.“ – „Du auch, Papa?“ – „Ich auch.“ – „Ich mag aber nicht, dass du stirbst.“

Da schaltet sich Jakob in unser Gespräch ein: „Du musst als Erster sterben, dann die Mama, dann der Dominik, dann der Benedikt, dann der …“. Er zählt nun dem Alter nach alle weiteren Familienmitglieder bis zu seiner kleinen Schwester auf: „Die Sophie stirbt als Letzte, weil sie ist nicht einmal noch zwei.“

Gott sei Dank bleibt mir keine Zeit für eine den Sachverhalt doch ein wenig differenzierende Antwort, dass nämlich wir Menschen nicht streng nach der Reihenfolge unseres Geborenwerdens auch wieder von dieser Welt abberufen werden. Denn nun meldet sich wieder Anna zu Wort: „Warum müssen alle Menschen sterben?“ – „Weil der liebe Gott es so will.“ – „Warum will er es?“

Ein schöner Tod

Ja, warum? Ich bin ziemlich hilflos und unsicher: „Schau, wenn man alt ist und nicht mehr gut gehen kann, mag man vielleicht gar nicht mehr länger leben.“ Pause. „Aber der Urlo war auch schon ganz alt und hat noch immer gut gehen können.“ Und Jakob fügt ernst und mit großer Sachkenntnis hinzu: „Der hat einen schönen Tod gekriegt. Er ist eingeschlafen und war schon über 100.“

Wir zünden Kerzen an und stellen sie aufs Grab. Ich beobachte meine Kinder, wie sie mit dem Feuer spielen, und bete, dass ich niemals das Grab eines meiner Kinder besuchen muss; und ich danke Gott, dass mein Sohn Nikolaus, der vor knapp fünf Jahren an Leukämie erkrankt war, heute wieder ganz gesund ist. Ich muss an die Eltern denken, die wir auf der Kinderkrebsstation getroffen haben und deren Kinder nicht gerettet werden konnten.

„Wenn die Mama tot ist und du tot bist, bin ich ganz allein. Ich mag aber nicht allein sein“, bricht Anna das Schweigen.

„Dann hast du vielleicht auch Kinder und bist nicht mehr allein.“ – „Aber wenn ich tot bin, dann bin ich ganz allein. Ich mag nicht ganz allein in einem Grab liegen. Ich möchte im Grab von deinem Vater sein, dann hab‘ ich wen zum Reden.“ Lange Pause. Plötzlich sagt sie: „Ich freu mich schon auf den Himmel. Da seh‘ ich dann den Urlo und die Urli und deinen Vater und unsere Katze.“ – „Und den Papa und die Mama“, ergänzt Jakob, „und den Dominik und den Benedikt und den Nikolaus und die Antonia und den Klemens und mich und die Sophie. – Papa, kaufst du uns jetzt eigentlich Kastanien?“

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EIN ARTIKEL VON
  • Gottfried Hofmann-Wellenhof

    Mit meiner Frau habe ich fünf Söhne, drei Töchter und einen Adoptivsohn aus Kamerun. Die Erfahrungen mit meiner Großfamilie teile ich in Kolumnen und Büchern. Meine Hobbys: Hometrainer, Fußballmatches meiner Söhne, Kochen und Lesen.


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