Sandra Lobnig

Sandra Lobnig "Mein Tagebuch"

ausmisten - meinefamilie.at
3. April 2019

Warum ich regelmäßig ausmiste


Ich kämpfe. Täglich. Mein Feind: All das Zeug, das sich unbarmherzig seinen Weg in unsere Wohnung bahnt. Es dringt in alle Ecken, lässt sich auf freien Oberflächen nieder, zwängt sich in Nischen und verstopft Kästen, Regale und Kommoden. Ich räume auf und um, sortiere und miste aus. Und bin fest entschlossen, zu reduzieren.

Viele von diesen Dingen nehmen unsere Zeit und unsere Energie in Anspruch. Sie kosten Geld in der Anschaffung, Kraft beim Loswerden und dazwischen nerven sie mich, wenn sie irgendwo herum kugeln und Platz brauchen. So wie die T-Shirts meines Sohnes, die nicht mehr in die Schublade passen, weil es zu viele sind. Und von denen er nur einen Bruchteil gerne anzieht. Oder die angeschlagenen, ungeliebten Tassen, die zwar im Küchenschrank stehen, aber nie verwendet werden. Zeitschriften, die ich  – wenn ich mal Zeit habe – vielleicht noch einmal durchschauen möchte. Puzzles, die nicht mehr vollständig sind oder Bilderbücher, denen Seiten fehlen und die die Kinder nicht mehr anschauen.

Wer ausmistet, liegt voll im Trend. Die Japanerin Marie Kondo und all die anderen Ordnungsexperten, die sich im Internet tummeln und Bücher schreiben, treffen anscheinend einen Nerv unserer Überflussgesellschaft. Zu viele Dinge belasten. Sie nehmen Raum ein – und das nicht nur physisch. Ich merke selbst, wie mir überfüllte Schränke und Räume auch emotional Luft rauben. Es ist einfach alles zu viel.

Wir brauchen Platz.

Unser Wohnraum ist nicht unbegrenzt. In unserer Stadtwohnung gibt es nur ein kleines Kellerabteil und einen Abstellraum. Da kann man einiges lagern, aber für kaputtes Spielzeug, alte Fernseher, sämtliche Bastelarbeiten aus der gesamten Kindergarten- und Schullaufbahn unserer Kinder oder ungeliebte Möbelstücke ist dort kein Platz. Damit wir die Dinge, die wir wirklich brauchen, dort aufbewahren können, muss regelmäßig ausgemistet werden.

Ich will nicht so viel aufräumen.

Klar, in einem Sechs-Personen-Haushalt, noch dazu mit vier kleinen Kindern, wird es immer was zum Aufräumen geben. Die Wahrheit ist aber auch:

Weniger Dinge bedeutet weniger Aufräumen.

Meine Verantwortung

ausmisten - meinefamilie.at Oft zögert man, Dinge wegzugeben, die teuer waren, die noch funktionsfähig sind oder die ein Geschenk waren. Also bleibt die Dekoschale von Oma doch noch im Wohnzimmer stehen, obwohl sie nicht gefällt. Wir fühlen uns für diese Dinge verantwortlich. In solchen Fällen hilft mir der Gedanke sehr, dass ich nicht nur diesen Dingen und den Menschen, die sie mir geschenkt haben, gegenüber Verantwortung habe. Sondern in erster Linie meiner Familie, die das Recht hat, in einem (halbwegs) geordneten Zuhause zu wohnen. Meine Verantwortung ist es letztlich, darauf zu achten, dass wir nicht zumüllen.

Das könnte ich noch brauchen!

Das ist das Totschlag-Argument gegen beherztes Ausmisten. Wer weiß, vielleicht brauche ich den alten Fernseher noch! Eventuell passe ich doch irgendwann wieder in meine zu engen Hosen! Was ist, wenn die Kinder doch wieder mit dem Puppenhaus spielen möchten, das seit zwei Jahren verstaubt im Keller steht? Stimmt, wir wissen das alles nicht! Ich gebe zu: Auch ich habe ein oder zweimal etwas vermisst, was ich weggegeben habe. Die allerallermeisten Dinge sind aber weder mir, noch meinem Mann oder den Kindern abgegangen. Im Gegenteil: Es hat sich schon unzählige Mal unglaublich gut angefühlt, unnötigen Ballast abzuwerfen.

Wo anfangen?

Ich kenne das Gefühl der Ohnmacht, wenn das Chaos allzu groß ist und ich nicht weiß, wo ich überhaupt mit dem Ausmisten beginnen soll. Ich habe im Moment auch kaum Zeit, die gesamte Wohnung neu zu ordnen und alles Unnötige los zu werden. Auch wenn Marie Kondo empfiehlt, so ein Ausmistprojekt grundsätzlich anzugehen, bleibe ich bei den kleinen Schritten. Die sind auch effektiv! Ich nehme mir alle paar Tage ein paar Minuten Zeit und gehe aufmerksam durch die Wohnung. In einen Sack kommt das, was ich zum Flohmarkt bringe, in einen anderen der Müll. Hin und wieder nehme ich  mir eine bestimmte Lade oder einen ganzen Schrank vor. Nebenbei geht’s auch: Sitzt eins der Kinder in der Badewanne, schaue ich den Badezimmerschrank durch und entsorge fast leere Cremepackungen, vertrockneten Nagellack und alte Waschlappen.

 Nur der erste Schritt

Ausmisten ist nur der erste Schritt. Genau genommen der zweite. Wichtig ist es, die Dinge erst gar nicht in die Wohnung zu lassen. Seitdem ich regelmäßig ausmiste, überlege ich mir auch sehr genau, was ich einkaufe. Ich spreche mich mit Verwandten vor Kindergeburtstagen oder Weihnachten ab, was sie schenken könnten und vermittle, dass wir zwischendurch keine „Kleinigkeiten“ brauchen. Nette Angebote von Freunden oder Bekannten, deren nicht mehr benötigte Kinderkleidung zu übernehmen, nehme ich nicht mehr pauschal an.

Es ist wohl eine Illusion mit vier Kindern in einem stets geordneten, minimalistischen Zuhause zu wohnen. Aber es soll ein Zuhause sein, in dem wir uns wohl fühlen. Da ist Zeug durchaus erlaubt. Aber bitte nicht zu viel davon.


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