Gottfried Hofmann-Wellenhof

Gottfried Hofmann-Wellenhof "Mein Tagebuch"

Wann sind wir endlich da - meinefamilie.at
5. August 2016

Wann sind wir endlich da?


Wir fahren am frühen Morgen los. Wir sind noch nicht einmal auf der Autobahn, da fragt Klemens zum ersten Mal: „Wie lange fahren wir noch?“ Bis zu unserem Zeltplatz, einem italienischen Geheimtipp, sind es noch schätzungsweise zehn bis zwölf Stunden. Als wir am Wörthersee vorbeikommen, fragt Anna erwartungsvoll: „Ist das schon das Meer?“ An der Grenze will Jakob wissen: „Sind wir bald da?“ „Wann sind wir endlich da?“, fragt Nikolaus in Tarvis. „“Wann sind wir endlich da?““, fragt Benedikt in Udine. „Wann sind wir endlich da?“, fragt Dominik in Ferrara.

Es ist heiß im Wagen, die Stimmung angespannt. Nur meine Frau ist guter Laune. Sie sagt Kinderreime auf, reicht Getränkeflaschen nach hinten und muss ständig CDs wechseln. Beatles raus – Stones rein – Stones raus – Beatles rein. „Nicht schon wieder die Beatles!“ Also Beatles raus und R.E.M. rein.

Märchen, Mineralwasser, Mick Jagger

„Wann sind wir endlich da? Benedikt fragt bei Bologna, ich lüge schamlos. „In einer Stunde.“ „Über den Apennin wollen die Kleinen das Märchen vom Rotkäppchen hören. Als zum dritten Mal der Wolf die Großmutter frisst, denke ich: „Wann sind wir endlich da?“

Antonia fragt nicht. Sie schläft. Was sie wohl träumt? Vor Florenz wird der Verkehr dichter, plötzlich stecken wir im Stau fest. Ich beobachte im Rückspiegel, wie meine großen Söhne in der dritten Reihe um die letzte Flasche Mineralwasser kämpfen.

Jakob kann Rotkäppchen nun auswendig und brüllt mir das unsterbliche Märchen der Gebrüder Grimm ins linke Ohr, in mein rechtes Mick Jagger „Satisfaction“. Neben mir steht ein Kleinwagen. Ein Mann kurbelt das Fenster herunter: „Wann sind Sie denn endlich da – die armen Kleinen…“ – „In einer Stunde!“

In einer Stunde sind wir da!

Plötzlich schreit Anna. In ihrem blonden Haar klebt ein Fruchtbonbon. Von ihren Brüdern will es keiner gewesen sein. Ich brülle etwas von „Umkehren“. Meine Frau bleibt weiterhin gelassen, schneidet mit einer Nagelschere den Bonbon aus dem Goldhaar. Antonia erwacht: „Wann sind wir endlich da?“ – „In einer Stunde!“

Es ist zwölf Uhr Mittag, die Temperatur im Bus klettert auf 45 Grad. Meine Augen brennen, die Hitze flirrt.

„Warum hast du so große Augen? … Satisfaction … Wann sind wir endlich daaa?“

Vor mir Blau, nichts als Blau. Himmel oder Meer – ich fahre einfach drauflos. Das Blau kommt näher, immer näher. „Wir sind da!!“

Wie in Trance schlage ich die Heringe unserer Zelte ein. Und schlafe zwölf Stunden durch.

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EIN ARTIKEL VON
  • Gottfried Hofmann-Wellenhof

    Mit meiner Frau habe ich fünf Söhne, drei Töchter und einen Adoptivsohn aus Kamerun. Die Erfahrungen mit meiner Großfamilie teile ich in Kolumnen und Büchern. Meine Hobbys: Hometrainer, Fußballmatches meiner Söhne, Kochen und Lesen.


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