Vali Schwarzbauer

Vali Schwarzbauer "Mein Tagebuch"

4. August 2016

Ein Urlaub, als gäbe es kein Morgen


Wir sind wieder zurück von unserem kinderlosen Trip nach Miami. Die Kinder sind auch zurück – und wie! Kaum zu überhören die Stimme eines unserer Knaben, die sich wie eine Sirene über das tiefe Morgengrauen legt. Ein Jetlag macht es möglich, diesem Gejaule 15 Minuten lang zu trotzen und bewegungslos im Bett liegen zu bleiben. Aber auch nicht länger, zu groß die Gefahr, für den Rest des Tages Nachwirkungen davon im Ohr mit sich herumzutragen.

Grund für die ganze morgendliche Misere ist schlichtweg Nathanaels Fassungslosigkeit darüber, dass sein älterer Bruder ihm nicht beim Bettenmachen helfen will. Und Fassungslosigkeiten drücken sich bei ihm neulich mit viel Tränen und Gebrüll aus. Das Ganze steigert sich mit dem apathischen Kommentar seines Bruders: „Bist du Baby?“ (Hui, eine Woche ohne Eltern und die Grammatik ist dahin!) Man ist dann schon ein wenig in der Zwickmühle, ob man den Sohnemann schelten soll, auf seine armen, jetlagigen Eltern Rücksicht zu nehmen und gefälligst leise zu brüllen, oder in Jubel ausbrechen soll, weil ihm das Bettenmachen beziehungsweise das gemachte Bett offensichtlich so am Herzen liegt.

Der ganz normale Alltag hat uns also wieder.

Und doch ist irgendwie alles anders als vorher. Und damit meine ich nicht nur die coolen neuen Levis, die neuerdings unser beide Beine zieren. Es ist auch nicht unser Hautfarbenwechsel vom blass-kalten Wiener Großstadt-Teint zum leicht verbrannt-warmen Miami-Beach-Look, der die Welt um mich herum neu erfahrbar macht. Sechs Tage pure Entspannung haben ihre Spuren hinterlassen.

Abschalten ist irgendwie ziemlich schwierig

Es hat ein bisschen gedauert, diese Sache mit der Erholung. Nach außen hin war alles perfekt: entzückender Springbrunnen am Eingang des Hotels, märchenhaftes Zimmer mit Balkon, King-Sized-Bed, Badewanne UND Dusche, prall gefüllter Kühlschrank und Snack-Station, zwei Poolanlagen und ein Lazy-River. Nicht zu vergessen das Personal, das mit einem „Hi, how’re you doin’? Everything alright?“ pausenlos sicherstellte, dass es einem auch wirklich blendend geht.

Ja ja, mir geht’s eh awesome! Aber wie mag es nur unseren Buben gehen? Ob die Großeltern wohl jeden Tag alles zum Anziehen finden? Was ist, wenn Nathanael mitten in der Nacht aufwacht und ich nicht da bin, um ihm zu helfen, seinen Hugsi zu suchen, der regelmäßig in seinem Bett verloren geht? Ob Jonathan ohne mein Gute-Nacht-Bussi auch wirklich gut schlafen kann? Puh, noch sechs Tage bis wir sie wieder sehen. Oh, wie kann ich nur ohne unsere Buben leben?!

Zu dem ganzen Unglück stellte sich auch noch heraus, dass alles Ess- und Trinkbare in unserem Zimmer beinhart abgerechnet werden würde und das Frühstück ungeahnte finanzielle Überraschungen in sich verbarg. Außerdem verliert selbst das schönste Hotel an Reiz, wenn man ständig Angst davor hat zu erfrieren (vielleicht will man hier durch die ständig aktivierten Klimaanlagen der Erderwärmung trotzen). Und selbst im schönsten Pool ist man nicht vor Sonnenbrand und Co. gefeit. Panik und Verzweiflung breitete sich langsam, aber sicher in mir aus.

„Lass amal die Gitarre runter!“, so die Antwort meines zutiefst mitfühlenden Mannes, was in der Musikersprache so viel bedeutet wie: RELAX!

Wenn die Großen von den Kleinen lernen

Und auf einmal habe ich verstanden, wie das so gehen könnte mit dem entspannten Leben. Warum am Morgen nicht einfach doch noch länger liegen blieben und so richtig ausschlafen. Es wird schon noch etwas von dem herrlichen Lachs und den Croissants übrig sein, auch wenn man nicht unter den ersten zehn am Frühstücksbuffet einläuft. Außerdem muss man auch nicht ständig prophylaktisch aufräumen, aus Angst vor einem Megachaos am Tag der Abreise. Und warum sich mit gesunder Ernährung herumschlagen, wenn einem auch einfach nur Bagels mit Almondbutter und Chocolatecookies reichen? Wenn nicht eines unserer Kinder da ist, um in der Shopping-Mall verloren zu gehen, dann übernehme halt ich diese Rolle – und zwar mit Bravour.

Einfach in den Tag hineinleben, als gäbe es kein Morgen. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe die Lebensgewohnheiten unserer Kinder angenommen und es lebt sich fantastisch damit! Für sechs Tage keine Maßregelungen abgeben, keine Hinterherräumaktion starten, keine Ermahnungen in Endlosschleife abspielen, keine Konsequenzen an den Haaren herbeiziehen, keine grantigen Predigten halten, keinem Tagesplan versklavt folgen und keine To-Do-Liste frustriert in die Ecke pfeffern.

Einfach nur wüst in den Tag hineinleben. Herrlich!

Genau das hat mir in den vergangenen Jahren wirklich gefehlt. Einfach nur sein und genießen. Nicht gleich an morgen und übermorgen denken und mich vom Alltag in die Enge treiben lassen. Jene Lebenshaltung nämlich, die mir unsere zwei Sprösslinge tagtäglich beispiellos vorleben und mich damit erfolgreich in den Wahnsinn treiben…

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EIN ARTIKEL VON
  • Vali Schwarzbauer

    Nachdem ich als Vierling aufgewachsen bin und unsere Söhne (3, 6) großziehen darf, kenne ich die Höhen und Tiefen einer Familie. Darüber zu schreiben, ist neben dem Homeschooling unserer Kinder eine willkommene Abwechslung. Was mich noch begeistert: Gott, mein Mann, Laufen, Erdnussbutter und ein gutes Buch.


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