Henning Klingen

Henning Klingen "Mein Tagebuch"

zugreise - meinefamilie.at
30. März 2019

Unter Zug-Zwang: Vom Reisen mit Kindern


 Meine Eltern leben im Nordwesten Deutschlands. Von unserer Heimat in Niederösterreich gut 1.000 Kilometer entfernt. Eine Familien-Reise dorthin ist anstrengend – aber immer auch ein Abenteuer.

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“. Es ist nicht überliefert, ob der deutsche Dichter Matthias Claudius, dem dieses Zitat zugeschrieben wird, gegen Ende des 18. Jahrhunderts viel mit seinen immerhin 11 Kindern gereist ist. Denkbar ist es jedoch, dass er – weinende und schreiende Kinder auf dem Schoß, während seine Frau den größeren Brote und Getränke reichte oder etwas vorlas – beim Ausstieg aus dem Zug seinen Verwandten oder Freunden am Bahnsteig mit müdem Augenaufschlag „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“ entgegenseufzte. Jedenfalls würde es mich nicht wundern. Denn das Reisen mit Kindern ist immer ein Wagnis und ein Erlebnis. Und anstrengend sowieso.

Reisen zählt für uns gewissermaßen zum Familienalltag. Denn wenn wir unsere Familien besuchen wollen, müssen wir durch ganz Österreich oder gar durch halb Deutschland reisen. Denn unsere Heimat, der Wienerwald, ist „nur“ unsere Wahlheimat: die Familie meiner Frau stammt aus Tirol, meine Familie aus dem Nordwesten Deutschlands, genauer gesagt: vom Niederrhein. Und so raffen wir mehrmals pro Jahr Sack und Pack zusammen und reisen entweder 450 Kilometer bis Innsbruck oder gut 1.000 Kilometer an den Niederrhein.

Flugzeug, Auto? – Zug!

Früher benutzten wir für die lange Strecke häufig das Flugzeug. Das sparte viel Zeit – bei nur drei bis vier Tagen Aufenthalt zählt halt jede Minute. Doch inzwischen sind nicht nur die Flugpreise gestiegen – auch ist das Fliegen durch die inzwischen fünf Familienmitglieder zu einem schier unerschwinglichen Luxus geworden. Mal ganz abgesehen vom ökologischen Fußabdruck und einem zunehmend schlechten Gewissen angesichts der verheerenden Ökobilanz von Flugreisen. Auch das Auto hat sich für diese Reise als unpraktisch erwiesen: 1.000 Kilometer Autobahn konnte ich vor 15 Jahren noch locker nächtens „abreißen“ – heute nach Arbeits- oder Familientagen sind wir froh, es in der Dunkelheit halbwegs wach bis Tirol zu schaffen…

So standen wir also zuletzt im wahrsten Sinne des Wortes unter Zug-Zwang: Wir wählten erstmals seit wir zu fünft reisen die Eisenbahn – genauer gesagt: Den ÖBB-Nachtzug. Die Strecke von Wien nach Düsseldorf wird gleich mehrfach pro Woche bedient – und für im Verhältnis zu anderen Reisearten moderaten 199 Euro pro Richtung bekommt man nicht nur ein gesamtes „Familienabteil“ für bis zu 6 Personen samt Schlafmöglichkeiten reserviert, sondern am Morgen auch noch ein Frühstück serviert.

Es war die richtige Entscheidung.

Je näher der Reisetag kam, desto unsicherer wurden wir, ob das die richtige Entscheidung war – 14 Stunden Nachtzug mit drei Kindern… Kurz: Es war die richtige Entscheidung. Trotz enger und unbequemer Pritschen, trotz Ruckeln und Rattern, trotz kalter Füße und muffiger ÖBB-Decken war es ein echtes Abenteuer für die Kinder. Spätestens als mitten in der Nacht Tochter Nr. 1 mit einem lauten Rumms vom obersten Etagenbett herunterpurzelte und Gott-sei-Dank halbwegs weich auf Taschen und Rucksäcken im Mittelgang landete, war auch uns klar, dass Matthias Claudius absolut Recht hatte. Man kann was erzählen…

Was wir übrigens immer im Gepäck haben auf unseren Familienreisen – sei es mit dem Zug oder doch mit dem Auto nach Tirol – sind unsere:

5 „Travelling-Tipps“

  1. Ausreichend Hörspiele:Unsere Kinder lieben Hörspiele – früher waren es die Bullerbüs und Michels, heute die „Schule der magischen Tiere“ oder auch schon mal Harry Potter…
  2. Ausreichend BücherDie besten Hörbücher sind immer noch die, die die Eltern höchstselbst vorlesen. Und mit zunehmendem Alter verkriechen sich unsere Kinder auch selbstständig hinter den Hedwig-, den Ella-Geschichten, Ostwind oder Petronella Apfelmus.
  3. Ausreichend NahrungsmittelEgal ob Auto, Zug oder früher Flugzeug – kaum kommt Reisefeeling auf, droht plötzlich akutes Verdursten, Verhungern oder ein sonstiger Engpass. Inzwischen sind unsere Jausenrucksäcke bei der Verwandtschaft schon gefürchtet – schließlich ist nicht auszuschließen, dass Restbestände von Butterbroten, Obst oder Gemüse die gesamte Reise und den Aufenthalt über in Fragmenten im Rucksack vor sich hin … nunja… duften.
  4. Ausreichend KuscheltiereEine Reise steht bei uns unter keinem guten Stern, wenn sie ohne Kuscheltier angetreten wird. Anders gesagt: Kein Koffer, keine Tasche oder Rucksack, aus dem nicht ein Esel, eine Kuschelkatze oder Kuscheltücher herausragen – und jeden Pack-Plan zunichte machen…
  5. Und schließlich: Ausreichend Geduld bzw. Nerven. Von beidem habe zumindest ich, wie ich gestehen muss, nicht immer genug zur Verfügung…

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