Rafaela "Mein Tagebuch"

kindheits ich - meinefamilie.at
30. November 2018

Unser kindliches Ich


Es war Herbst. Im Garten unseres Kindergartens formten die Kinder auf der Wiese spontan einen Kreis und zeigten, eins nach dem anderen etwas Lustiges, Spannendes, Interessantes, sogar Verrücktes… Plötzlich wurde mein unbekümmertes Lachen durch eine Kinderstimme unterbrochen: “Na los, Rafaela, jetzt bist du dran, zeig uns etwas”. Auf einmal wurde mein Körper wie aus Blei. Anstatt zu hüpfen, die Zunge zu zeigen oder einen Sprung in die Luft zu machen, begann ich zu denken: Was heißt “zeig uns etwas”? Kann ich überhaupt “etwas zeigen”? Wie blöd wird dieses “Etwas” ausschauen? … Mein Denken verursachte natürlich einen Stau in der Runde und die Kinder begannen, sich zu langweilen. Mich rettete ein Eichhörnchen, das seine Aufmerksamkeit sofort auf sich zog.

Mein Kindheits-Ich

Diese spontane Situation im Garten war eine wichtige Lektion für mich: Bevor ich fruchtbar und mit einer echten Freude mit den Kindern arbeiten kann, muss ich mein Kindheits-Ich aufs Neue entdecken und wieder beleben. Was damit gemeint ist, schrieb auf wundervolle Art und Weise Thomas A. Harris:

Im Kindheits-Ich sind die zahllosen, großartigen Aha-Erlebnisse registriert, die ersten Erlebnisse überhaupt im Leben des kleinen Menschen: der erste Schluck aus dem Gartenschlauch, das erste Streicheln des weichen Kätzchens, der erste sichere Halt an der Mutterbrust, das erste Lichtanknipsen, die erste Unterwasserjagd nach der Badeseife und die Wonne, all diese Dinge wieder und wieder zu tun (…) Das ist das glückliche Kind, der sorglose kleine Junge, der Schmetterlinge jagt, das kleine Mädchen mit Schokolade im Gesicht. ” (T. Harris: “Ich bin o.k. Du bist o.k.”, S. 46.)

Wo können wir beginnen?

Vielleicht beim Bewusstsein, dass kein Kind ein Tabularasa, also ein unbeschriebenes Blatt, ist, das neu beschrieben werden muss. Gerne würden wir hier einen Platz für unsere Visionen, Pläne, Meinungen und Vorstellungen haben (damit unsere Kleinen einen guten Start im Leben haben). Wenn aber jeder Mensch als Bild und Abbild Gottes geschaffen wurde, dann heißt das, er trägt ein faszinierendes Potential in sich, eine Kreativität und eine Sensibilität, die vermag, die Welt auf eine ‘ursprünglich-reine’ Art und Weise wahrzunehmen, weiter zu schaffen, zu gestalten und dadurch zu verändern, zu verbessern. Es ist die Aufgabe von uns Erwachsenen, dieses reiche Potenzial aus unseren Kindern herauslockern. Das beschränkt sich nicht auf eine bloße Vermittlung vom Wissen, sondern beginnt schon früher, in der Begegnung.

Auf einer Ebene

Sobald man den Kindern auf ihrer Ebene begegnet und mit ihnen in ihrer eigenen Kindersprache kommuniziert, beginnt ein Doppelwunder: Es wächst ein kleines “Genie” vor mir und in mir. Ein einfaches Beispiel:

“Mutti, warum ist ein Tannenbaum grün? Kann er auch rosarot sein?”

Sie können sagen: “Rosarot? Na, bitte. Hast du mal einen rosaroten Baum gesehen? Vielleicht in einem Märchen, aber sicher nicht in einem Wald, das ist doch unmöglich…”

Eine andere Alternative ist: “Rosarot? Hm… Ich hab zwar nie einen rosaroten Tannenbaum gesehen, vielleicht hat noch niemand so einen Baum erfunden? Doch deine Idee gefällt mir! Machen wir den allerersten rosaroten Tannenbaum auf der ganzen Welt!”

Im ersten Fall vermitteln Sie ihrem Kind eine sachliche Information, die auch stimmt. Doch im zweiten Fall fördern Sie seine (und Ihre eigene) schöpferische Kreativität, Selbstwirksamkeit, Phantasie und Freude, was sich im Erwachsenenleben als sehr fruchtbar erwiesen kann. Und dass es keine rosaroten Bäume gibt, wird Ihr Kind (später) sowieso erfahren.

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