Martina Goldenberg

Martina Goldenberg "Mein Tagebuch"

Über das Glücklichsein in Zeiten von Corona
25. Mai 2020

Über das Glücklichsein in Zeiten von Corona


Jetzt sind es schon fast zwei Wochen nach Ende der Ausgangsbeschränkungen, langsam fängt sich die Normalität einzustellen an. Wir haben alle Großeltern wieder getroffen, und auch die ersten Freunde haben uns einen Besuch abgestattet. Ich war sogar schon Kinderkleidung einkaufen. Rund um mich freuen sich die Menschen über die wiedergewonnene Freiheit und sind voller Pläne, wohin sie essen gehen, was sie kaufen wollen und wohin der nächste Urlaub gehen soll.

Und ich? Ich weiß nicht recht, was ich fühlen soll …

Einerseits freue ich mich sehr, meine Eltern und meinen Bruder samt Familie wieder zu sehen, meine Familie ist mir sehr abgegangen. Andererseits habe ich das Gefühl, dass die Blase der Geborgenheit, in der wir jetzt 8 Wochen gelebt haben, geplatzt ist. Und es fällt nicht leicht darüber zu reden, denn wohin man blickt, liest man nur, dass die  Ausgangsbeschränkungen  hart, freiheitsberaubend, anstrengend und eigentlich rundum eine Zumutung waren. Das waren sie auch, für viele Menschen.

Täglich musste ich an die Familien denken, die in der Stadt in kleinen Wohnungen zusammengepfercht leben mussten, die Jobs verloren oder unter Gewalt eines Familienmitgliedes gelitten haben.

Die Alleinerziehenden, die Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bringen mussten. Die einsamen Menschen, die alten Menschen in den Heimen….sie alle taten mir sehr leid und ich war mir meines Privilegs voll bewusst, wenn ich in unseren Garten ging oder in den direkt an unser Grundstück angrenzenden Wald. Und wegen all dieser Privilegien war es nicht leicht, ohne Schuldgefühle glücklich zu sein.

Darf ich glücklich sein?

Immer wieder stellte ich mir die Frage: Darf ich glücklich sein oder ist allein schon das Empfinden von Glück so unsensibel gegenüber Menschen, die weniger privilegiert sind als ich, dass ich mein Glücksgefühl unterdrücken muss, um empathisch sein zu können? Oder sollte ich einfach niemandem sagen, dass ich glücklich bin, in den Strom des Jammerns mit einstimmen?

Ich kam nicht weiter in dieser Frage und begann zu diesem Thema zu recherchieren. Was nicht sehr viel aufmunternder war, denn man stößt sofort auf Sprichwörter wie „Des einen Freud’, des anderen Leid.“

„Geteiltes Leid ist halbes Leid!“ Also, doch ab in die Depression, um das Unglück anderer zu teilen?

Dabei war es so wunderschön gemütlich bei uns daheim!

Mein Mann und ich wechselten uns in Homeoffice und Hausarbeit ab, sodass unsere Tochter vormittags Mama und nachmittags Papa zur Verfügung hatte. Sie blühte geradewegs auf, wir merkten, wie unglaublich wichtig diese Familienzeit für sie war. Abends saßen wir dann beide am Schreibtisch und arbeiteten, einfach die physische Präsenz nebeneinander war schon wohltuend. Gemeinsame Mahlzeiten und viel Zeit miteinander, die ganze Entschleunigung in der Situation, in der weder Sozialleben noch andere von außen kommende Anforderungen an uns, unseren Fokus ablenkten – all das machte unser Zuhause zu einer Blase der Geborgenheit. Sollte ich das wirklich einfach negieren, mein Glück mit niemandem teilen?

Denkanstöße

Meine Recherche brachte keine vorgefertigten Antworten. Aber Denkanstöße. Und so habe ich meinen eigenen Weg gefunden: Niemand ist für das Leid eines anderen Menschen verantwortlich und niemand muss jemand anderem Leid abnehmen. Es wird dadurch nicht weniger. Wenn Homeoffice und unausgelastete Kinder zur Überforderung werden, dann wird es nicht besser, wenn ich mitjammere. Aber: Es wird auch nicht besser, wenn ich „gute Tipps“ gebe und analysiere, was andere Menschen meiner Meinung nach falsch machen. Solange ich nicht in den Schuhen anderer gegangen bin, habe ich keine Vorstellung von ihrem Leben. Ich halte anderen nicht meine „perfekte“ Lösung vor.

Denn perfekt ist ja sowieso nichts im Leben und mein Lebensentwurf kann nicht als Schablone auf andere angepasst werden.

Aber: ich habe ein Recht darauf, glücklich zu sein

Im Gegenteil, es wäre geradewegs undankbar dem Schicksal gegenüber, das mich in dieser Situation so begünstigt hat, wenn ich nicht glücklich, dankbar und zufrieden wäre. Und ich darf auch meinen eigenen Beitrag akzeptieren und wertschätzen: Denn Glück ist nicht nur, was wir von außen bekommen, es ist auch eine innere Einstellung. Ich hätte auch jammern können, dass ich abends arbeiten muss statt „Me-time“ zu haben. Aber ich habe mich entschieden, die Zeit Seite an Seite mit meinem Mann – auch wenn wir beide am Computer sitzen – zu genießen und glücklich zu sein.

Diese Zeit hat uns so glücklich gemacht, dass mein Mann auf jeden Fall noch bis zum Sommer daheim arbeiten wird und auch danach regelmäßig Homeoffice-Tage einlegen möchte. Wir füttern unsere Glücksblase also einfach noch ein bisschen länger.

 


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