Regina Magdalena Smrcka

Regina Magdalena Smrcka "Mein Tagebuch"

alltagstrott - meinefamilie.at
11. Dezember 2018

Tagesstruktur, langweiliger Trott oder lebensspendender Halt?


Das Wiedersehen mit einem alten Single-Freund machte mir wieder bewusst, dass der langweilige Alltagstrott, der ganz normale Familienstress auch seine guten Seiten hat.

Advent bedeutet für mich Zusammensein mit vertrauten Menschen. So laden wir im Advent oft Freunde ein und halten regelmäßig Tage der offenen Tür ab, wo auch Nachbarn herzlich willkommen sind.

Als ich diesen alten Freund nach langer Zeit wiedersah, erschrak ich jedoch zutiefst. Dunkle Augenringe, zitternde Hände, er wirkte sehr müde und abgeschlagen. Mein Mann vermutete sogar, dass er tagelang nichts gegessen hatte, so wie er über unseren Suppentopf herfiel. Als ich ihn Tage später vorsichtig ansprach, um ihn nicht vor all den anderen Gästen bloß zu stellen, schob er alles auf die neue Brille und mangelnde Vitamine. Er ist selbständig und ich weiß, dass er oft nächtelang durcharbeitet, um sich dann schnell etwas zu bestellen. Freundlich aber nicht aufdringlich gab ich ihm zu verstehen, dass ihm unsere Tür immer offen steht. Dann waren mir die Hände wieder gebunden, denn so nahe standen wir uns nicht mehr.

Egal ob ich gesund oder krank, wach oder müde, gut oder schlecht aufgelegt bin, ich muss funktionieren.

In den nächsten Tagen war ich sehr nachdenklich. Es gibt viele Momente wo ich den geregelten und durch strukturierten Tagesablauf mit Kind als einschränkend und einengend erlebe. Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit aufstehen, Frühstück und Jause richten, Schule, Mittagessen kochen, abholen, zu Freunden und Sportgruppen kutschieren, Spielen und Gute Nacht-Ritual. Jede noch so kleine Abweichung muss durchorganisiert und dem Kind erklärt werden. Egal ob ich gesund oder krank, wach oder müde, gut oder schlecht aufgelegt bin, ich muss funktionieren.

Angebot

Familienberatung finden

Als Single habe ich regelmäßige Essenszeiten noch gehasst, Individualität war das Thema! Und wenn ich im Fluss war wurde durchgearbeitet, um kurz darauf einfach einen Tag im Bett zu bleiben.
Angesichts dieses Erlebnisses jedoch bin ich echt dankbar für meinen durch organisierten Tag. Denn ich habe eine Tagesstruktur. Ich esse regelmäßig und koche immer frisch, einfach weil ich es für unsere Familie tue. Ich mache täglich Bewegung an der frischen Luft, ob ich will oder nicht, weil ich durch mein Kind raus muss. Es ist anstrengend, doch im Endeffekt ist wahrscheinlich genau das langfristig gesünder.

Vielleicht ist es an der Zeit den gleichbleibenden Rhythmus als Halt zu sehen, statt als gleichbleibenden, langweiligen Trott. Gestalten wir uns doch das Ritual unseres Tagesablaufes so, dass es uns lebendig hält, statt abstumpft. Schaffen wir uns auch Raum für Tätigkeiten, die uns Spaß machen, uns aufblühen lassen. Auch wenn es nur Kleinigkeiten sind, diese dafür aber regelmäßig.

  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON
  • Regina Magdalena Smrcka

    Als Sozialarbeiterin spezialisierte ich mich auf die Betreuung von schwerstbehinderten Kindern. Als Ausgleich unterrichtete ich Kinderturnen. Jetzt unterstütze ich meinen Lebensgefährten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinsam haben wir einen Sohn.


    Zum Tagebuch des Autors

Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at