Markus Stegmayr

Markus Stegmayr "Mein Tagebuch"

skiurlaub: wenn das kind zum ersten mal alleine wegfährt
4. März 2020

Skiurlaub: Wenn das Kind zum ersten Mal alleine wegfährt


Es ist für Eltern und Kinder gleichermaßen schwierig und komplex. Man kann aber davon ausgehen, dass die erste Ski- oder Sportwoche schneller kommt als man sich darauf umfassend vorbereiten kann.

Jetzt ist es passiert. Unsere Tochter ist weg. Ganze fünf Tage und vier Nächte. An einem Ort, den sie nicht kannte und den wir nur vom Online-Auftritt her kennen. Am Montag ist unsere Älteste (11 Jahre) auf Skiwoche gefahren.

Wochen zuvor war es Thema. Vor allem bei ihr. Zuerst kamen ihr Zweifel, ob ihre Skifahrkünste ausreichen würden. Diese Zweifel ließen sich recht schnell zerstreuen, indem wir regelmäßig am Wochenende die Skipisten Tirols unsicher machten und selbst immer sicherer auf den Skiern standen.

Dann kamen Bedenken ihrerseits, ob sie auswärts auch schlafen können würde. Natürlich hatte das bislang schon geklappt, etwa bei den Großeltern. Aber noch nie an einem komplett fremden Ort mit Menschen um sie herum, die nicht aus dem näheren oder erweiterten Familienkontext waren. Außerdem war es eine Premiere dahingehend, dass sie zum ersten Mal ohne ihre kleine Schwester anderswo hin musste.

Letzte Zweifel und Abfahrt

Zwischendurch, etwa eine Woche zuvor, wollte sie alles hinwerfen und nicht wegfahren. Auch ihre Skifahrkünste schienen plötzlich bei einem unserer Pistenausflüge wie weggefegt zu sein. Und dass sie das Handy in der Nacht abgeben musste und uns damit nicht bei akutem Heimweh oder notorischer Schlaflosigkeit anrufen konnte, schien ihr absolut inakzeptabel.

Doch der Tag kam. Und sie fuhr. Angesichts der brenzligen Lage hatten wir ein vor längerer Zeit geplantes Wellness-Wochenende abgesagt, dass erst am Montag geendet hätte und der Oma die Aufgabe des Abschiedes von unserer Tochter übertragen hatten. Wir merkten: Wir wollten dabei sein, wenn sie zum ersten Mal wegfuhr. Wir wollten winken und sie verabschieden. Ganz klassisch, wie das Eltern eben so machen bevor sie dem Nachwuchs peinlich werden und das ohnehin unter strengster Strafandrohung nicht mehr tun dürfen.

Also standen wir am Tag des Abschiedes zu Zweit am Busparkplatz. Der Abschied verlief unerwartet unspektakulär. Tränen blieben aus, ebenso große und pathetische Umarmungen und Liebesbekundungen unserer Tochter. Der Bus fuhr ab, sie winkte noch einmal, hatte sich schon neben ihre Freundinnen gesetzt und schon zuversichtlich zu sein.

Eigenes Befinden

Auch wir waren glücklich, dass alles so gut geklappt hatte. Doch nach wenigen Stunden passierte etwas, mit dem wir nicht wirklich gerechnet hatten. Wir als Eltern waren unruhig. Zumal auch deswegen, weil sie sich bis 19.00 Uhr noch gar nicht bei uns gemeldet hatte. War sie gut angekommen? Fühlte sie sich wohl? Wir checkten ihren WhatsApp-Online-Status – etwas das wir sonst noch nie getan hatten. Wann war sie zuletzt online gewesen? Aus dieser Tatsache versuchten wir zum Teil ihr aktuelles Wohlbefinden abzuleiten.

Zuvor schon hatte ihre Schwester gemerkt, dass etwas anders war. Ihre tägliche kurze Serie, die sie auf Netflix schauen durften, viel kurzerhand aus. „Ich möchte dauernd fragen, wann meine Schwester heimkommt“, sagte die Kleine. Es war klar: Die tägliche Routine und die täglichen Abläufe waren anders, wenn sie Große nicht da ist.

Der befreiende Anruf

Tatsächlich kämpften wir gegen die Versuchung, sie aktiv anzurufen. Eine Tatsache, mit der wir nicht gerechnet hatten. War es tatsächlich so, dass wir sie offenbar mehr vermissten als sie uns? Das konnte nicht sein. Schließlich war sie doch der zweifelnde Part gewesen.

Dann kam der Anruf von ihr. Wir waren erleichtert. Bei einem Videoanruf zeigte sie uns ihr Zimmer. Es war schön und geräumig. Die Mädels hatten es sich schon gemütlich eingerichtet. Das Essen sei gut, die Gruppe nett, die Lehrer bemüht. Sie fühlte sich offenkundig wohl.

Am zweiten Abend wieder ein Anruf. Er klang wehmütiger. Jetzt waren offenbar wir der starke Part und sie ein wenig schwächer. Aber dennoch gab es keine Tränen. Sie macht das gut. Wir waren stolz auf sie. Sowohl sie als auch wir hatten zu diesem Zeitpunkt gelernt loszulassen, sich einzulassen und zu vertrauen.

 



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  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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