Henny Lang

Henny Lang "Mein Tagebuch"

Schulanfang – bitte komm noch nicht! - meinefamilie.at
27. Juli 2017

Schulanfang – bitte komm noch nicht!


„Wir gehen zum Billa. B-I-L-L-A“, buchstabierte Emilia wie selbstverständlich. Emilia ist 5 und die beste Freundin meiner Tochter Mia im Kindergarten. Mia ist schon 6. Emilia wird erst 6, nur ein paar Monate sind die beiden auseinander. Emilias Mama bemerkte unser Staunen und strahlte übers ganze Gesicht.

Dann sagte sie: „Und jetzt buchstabier mal Baum, Garten, Tante.“ Und Emilia sagte: „B-A-U-M, G-A-R-T-E-N, T-A-N-T-E.“ Sogar das „au“ konnte sie richtig buchstabieren ohne nachzudenken, und aufschreiben konnte sie es auch einwandfrei.

Mia kann ihren Namen schreiben mit i-Punkt, MAMA, PAPA, OMA, OPA auch und ZOE, den Namen ihrer kleinen Schwester. Die ie 3-Jährige kann übrigens auch schon problemlos schreiben. Und mit all dem waren wir alle recht zufrieden. Das reicht doch vor dem Schulbeginn.

Die Schule soll ganz schnell Lesen beibringen

Für Mia sind Buchstaben aber mehr noch eine Zeichenübung. Gern malt sie die Wörter aus Büchern ab, besonders von den Baby-Büchern, wenn über dem Wort das Bild vom Ding ist, das so heißt. AUTO, HUND, SPIELZEUG usw. Und von der Schule verlangt sie, dass die ihr ganz schnell beibringen soll, wie man der kleinen Schwester die Gutenachtgeschichte vorliest. Das will sie bald selbst übernehmen, ganz bald nämlich. Am liebsten wär ihr, sie könnte das gleich am ersten Schultag schon.

Aber so wie das Ich-will-dir-was-Beibringen bei uns zuhause klappt oder besser nicht klappt, werden wir beide, Mia und ich, es recht schwer haben, fürchte ich. „Was steht da?“ fragt sie. „Da steht: Räumungsverkauf“, sage ich. „Nein, tut es nicht“, meint sie. „Doch, mein Schatz, das steht da.“ „Das sind doch gar keine Buchstaben. Buchstaben sehen doch so aus“, protestiert sie und zeichnet mir Blockbuchstaben auf einen Zettel. „Schon richtig“, sag ich, „das sind aber Blockbuchstaben, die gibt’s in klein und groß, und hier steht eben ein Wort in Schreibschrift. Das eine sieht so aus, das andere so…“ und als ich den Stift nehme, und ihr den Unterschied am Zettel vorschreiben will, komme ich nur bis zu einem Stricherl. Schon reißt sie mir wutentbrannt den Stift aus der Hand. Na toll! „Du hast ohne zu fragen auf mein Blatt gekritzelt! Jetzt kann ich‘s wegwerfen“, schreit der Wut-Zwerg, knüllt das Blatt zusammen und wirft es quer durchs Wohnzimmer.

„Die Emilia hört ihrer Mama zu, wenn sie was erklärt. Darum kann sie auch schon mehr als du“, sage ich und geh weg.

Schlechte Laune in der Schule?

Mit Emilias Können kam zwar der Ehrgeiz, aber auch der erste Frust. Wobei die oben erwähnte Szene nicht wirklich Frust sondern eher eine Laune war, ganz schlechte Laune. Die kommt bei ihr immer plötzlich und überrascht sie genauso wie mich. Was mich betrifft, so hab ich gelernt, dass nur Ausspinnen-Lassen und Das-Weite-Suchen hilft. Zoe und ich verkriechen uns dann in ein anderes Winkerl und beschäftigen uns still allein, bis unsere Mia-Wildkatze wieder zur Mia-Maus wird, die zu uns zurückkommt und so tut, als wär nichts gewesen. „Darf sie sich auch in der Schule so benehmen“, fragt Zoe. „Eher nicht“, sage ich und fürchte mich insgeheim vorm ersten Elternsprechtag, wenn die Lehrerin draufgekommen ist, dass das hübsche, blonde Engerl auch eine teuflische Seite hat.

Frust-Beispiele vom Noch-nicht-Können gibt’s übrigens auch genug. Ich will sie aber hier nicht erwähnen, geschweige denn daran denken. Das kann ja alles heiter werden ab Herbst, denke ich und versuch, die letzten Kindergartentage ganz intensiv zu genießen.

Vor Schulbeginn zur Frühaufsteherin werden

Auch was das Ausschlafen angeht. Mia war immer eine Frühaufsteherin. Oft kam sie putzmunter um 5.00 Uhr morgens ins Elternbett und brüllte: „Les mir was vor!“ oder „Ich muss aufs Klo, komm mit!“ (auch wenn sie das schon allein konnte). „Du wirst sehen, sobald die Schule anfängt, wird sich das ändern“, sagte meine Mutter weise. Ich wollte ja, dass sie Recht hat. Aber nur, dass die Kleine statt 5.00 Uhr um 7.00 Uhr kommt. Jetzt aber könnte sie bis 10.00 Uhr schlafen und 7.00 Uhr kommt ihr vor wie mitten in der Nacht.

Im Elternratgeber steht, ich solle einen Wecker nehmen, denn erstens fühle sich die Bald-Schülerin dann schon ein bisserl erwachsen und sei zweitens nicht sauer auf mich sondern auf das mechanische Ding.

Was soll ich sagen? Es hat nicht funktioniert. Beide Kinder ignorieren den Wecker so gekonnt, wie sie alles, was sie nicht hören wollen, ignorieren. Da gibt eher der Wecker klein bei als die beiden.

Und abends? Also schlafen gehen vor 21.00 Uhr hat noch nie bei uns geklappt.

Schulzeit, bitte komm noch nicht!

„Sei nicht traurig, Mama“, tröstete mich Mia vor kurzem, als ich den Satz sagte, den alle Eltern einmal sagen: „Ihr Kinder werdet so schnell groß, grad warst du noch ein Baby.“

„Komm her“, sagte Mia, „ich möchte dich verarmen.“ „Das heißt umarmen, Mia.“ Und wir kuschelten. Obwohl sie angesichts der langen Einkaufsliste, die die Volksschule uns freundlicherweise schon vor Ferienbeginn zukommen ließ, nicht ganz Unrecht hatte. „Verarmen“ trifft schon auch zu.

Am besten pack ich auch ganz viel süße Nervennahrung für mich mit in die Schultüte.

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EIN ARTIKEL VON
  • Henny Lang

    Ich bin Mutter zweier Mädchen (3 und 5 Jahre alt), lebe in Wien und arbeite seit 2001 als freie Journalistin und TV-Redakteurin. Hobbymäßig bin ich Malerin, veranstalte Vernissagen zu meinen Bildern und Bastelnachmittage mit Kindern ganz privat bei mir zuhause.


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