Markus Stegmayr

Markus Stegmayr "Mein Tagebuch"

philosophieren mit kindern - meinefamilie.at
15. Juni 2018

Papa, was ist Unendlichkeit? – Philosophieren mit Kindern


Erst vor kurzem hat mir meine neunjährige Tochter die Frage gestellt, die mich selbst schon seit meiner Kindheit beschäftigt. In meiner Kindheit, ich muss wohl so zwischen acht und zehn Jahre alt gewesen sein, bin ich oft aus dem Schlaf aufgeschreckt. Ich hatte Angst in ein schwarzes Loch zu fallen, das mir unendlich tief erschien. Als ich aufwachte kamen mir stets die gleichen Gedanken. Ich dachte an die Unendlichkeit. An Abgründe, die kein Ende haben, wie tief man auch in diese Blicken mag. Aber auch an zeitliche Abfolgen, an Sekunden und Minuten, die sich keinen Endpunkt hatten.

Das machte mir damals Angst. Zumal dann, als nächster logischer Denkschritt, meine Gedanken rund um meine unsterbliche Seele kreisten. Ich stellte mir vor, wie ich nach dem Tode unendlich lange leben würde. Es fühlte sich so ähnlich an, als wenn ich doch noch in das große schwarze Loch gefallen wäre, das kein Ende hat. Mir schwindelte beim Gedanken daran, dass mein Leben im Himmel kein Ende finden würde.

Die Unendlichkeit als Musik

Im Heute habe ich andere Kategorien als Angst. Ich stelle mir diese Unendlichkeit nach dem Tod womöglich langweilig vor. Sie ist gleicht eher dem John Cage Projekt in Halberstadt, das Jahrzehnte dauert und theoretisch bis in alle Ewigkeit fortgesetzt werden könnte als einem konzisen und gut gemachten Popsong. Wenn die Töne, wie beim Orgel-Projekt in Halberstadt, ewig weit auseinander liegen, dann konzentriert man sich automatisch auf die Zwischenräume, auf die Ereignislosigkeit. Ob man diese als langweilig oder befreiend wahrnimmt, liegt dabei im Auge des Betrachters bzw. Hörers.

Die Grenzen unserer Kategorien

Klar ist jedenfalls, dass wir mit unseren „irdischen“ Kategorien sehr schnell an Grenzen stoßen, um diese Form von Unendlichkeit zu fassen. Wir sind gewohnt an Termine und Ereignisse. In ihrer Abfolge ergeben sie so etwas wie einen Sog, der uns durch das Leben zieht und der erst gar keine Langeweile und keine allzu lange dauernden Ruhephasen aufkommen lässt. Sind wir unterbeschäftigt, unterfordert oder ist unser Leben zu ereignisarm, dann kommen schnell die Sinnfragen und manchmal auf Sinnkrisen.

Was antworte ich meiner Tochter?

Was aber antworte ich nun meiner Tochter, wenn sie mich nach der Unendlichkeit fragt? Ich antworte ihr vor allem damit, dass wir nur Denk-Konstruktionen zur Verfügung haben. Soll heißen: Unser denken ist geprägt von einem „westlichen“ Zeitbegriff, der mit Sekunden und Minuten operiert und aus dem sich ergibt, dass alles ein „Ablaufdatum“ hat und nichts für die Ewigkeit wärt. Zugleich erschreckt uns, fußend auf diesem Bild, das wir uns von der Welt durch den Zeitbegriff implizit gemacht haben, dass es so etwas wie die „Unendlichkeit“ geben soll, die von völlig anderen Voraussetzungen ausgeht.

Natürlich sage ich ihr das in einfacheren Worten. Aber klar ist, dass wir die Unendlichkeit (noch) nicht denken und erahnen können. Dazu sind wir zu abhängig von unseren zum Teil „antrainierten“ Denkmustern.

Teil des Ganzen

Nach dem Tod, so bin ich überzeugt, schaffen wir es diese zu überwinden. Wir denken anders, freier. Falls wir überhaupt noch in dem Sinne denken, wie wir derzeit denken. Denn wir werden anders wahrnehmen: Nicht mehr als „Ich“ auf der einen Seite und als „Welt“ auf der einen Seite, sondern als Ganzheit, als Teil des Ganzen. All das, was wir als rationales Denken betrachten, eben das autonome „Ich“, welches die Welt analysiert und intellektuell fasst und unterteilt, ist dann obsolet.

Zumindest für mich habe ich also ein paar mögliche Antworten gefunden. Einige davon kann ich auch mit meiner Tochter diskutieren. Denn man sollte überhaupt viel öfter mit Kindern philosophieren und sie auf keinen Fall unterschätzen.

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EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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