Maria Lang

Maria Lang "Mein Tagebuch"

Ordentlich warten, ordentlich feiern - meinefamilie.at
4. Dezember 2017

Ordentlich warten, ordentlich feiern


Neulich im Supermarkt erlitt ich einen kleinen Schock. Ich wollte, etwas mehr als einen Monat vor Weihnachten, eine Packung unseres Lieblings-Lebkuchens kaufen. Ich dachte, ich besorge ihn jetzt gleich, früh genug, damit wir zu Weihnachten sicher welchen haben. Aber es gab keinen mehr! Ich fand noch ein paar Reste anderer Marken, doch genau den, den ich wollte, gab es nicht mehr. Dabei hatte der Advent noch nicht mal angefangen!

Ich gebe zu, ich war ziemlich sauer. Nicht nur wegen des Lebkuchens, sondern weil in unserer heutigen Zeit so vieles vorweg genommen wird. Seit September gibt es Lebkuchen in den Regalen, doch wenn es dann so weit ist, dass Weihnachten vor der Tür steht, hat eigentlich keiner mehr Lust darauf. Feste wie dieses werden zu Tode gefeiert, bevor sie überhaupt erst da sind.

Eine Weihnachtsfeier hier, ein Adventskränzchen da, und wenn es dann so weit ist, dass wir die Geburt von Jesus feiern, hat keiner mehr wirklich Bock darauf.

Was? Schon wieder Kekse? Ich hab den ganzen Advent gefuttert, jetzt muss ich ein bisschen abspecken, nach all den Feierlichkeiten…

Advent als Zeit der Vorbereitung nützen

Ich muss ganz ehrlich sagen, ich finde das tragisch. Der Advent soll eine Zeit der Vorbereitung sein auf die Ankunft Jesu, eine Zeit des Fastens, des Betens, des Wartens. Eine Zeit, in der wir einen Gang zurückschalten. Und auch eine Zeit der Vorfreude. Doch heute wird durch dieses ständige Vorausfeiern verhindert, dass sich echte Vorfreude entfalten kann. Wir scheinen die Spannung nicht auszuhalten, den Verzicht, das Warten. Sobald es draußen dunkel und kalt wird, hören wir lebkuchenkauend und punschtrinkend bei Kerzenlicht Weihnachtslieder, auch wenn das Fest noch weit entfernt ist.

Es geht mir hier nicht darum, gemütliche Adventrituale zu verurteilen. Und schon gar nicht möchte ich Weihnachten auf das Essen reduzieren. Aber ich finde es eine wichtige Ausdrucksform unseres Feierverhaltens.

Zuerst warten, dann acht Tage feiern

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich ein Kind war und meine Oma mit uns Kekse gebacken hat. Das ganze Haus war vom süßen Duft erfüllt und oft saßen wir gemeinsam bei einer Tasse Malzkaffee und knabberten ein paar der frischen Köstlichkeiten. Der Rest wanderte allerdings in die Dose und sollte nicht angerührt werden bis zum Fest. Sie backte immer viele verschiedene Sorten und natürlich gehörte das Teignaschen und Kosten der Bäckereien dazu. Doch es war ganz klar, dass all das für Weihnachten bestimmt war und nicht für den Advent.

Wenn wir Kinder wieder mal sehnsüchtig die vielen bunten Keksdosen anstarrten, meinte die Oma, der Advent sei, bis auf die Sonntage, eine Fastenzeit.

Vor allen großen kirchlichen Festen gibt es eine solche Zeit des Wartens. Wenn dann das große Fest endlich da ist – heiß ersehnt und lang erwartet – darf acht Tage lang ordentlich gefeiert werden. Und ich muss sagen, feiern konnte meine Oma. Sie ist mir in beidem ein Vorbild: in der Disziplin des Wartens und auch in der Großzügigkeit des Feierns. Das habe ich mir aus meiner Kindheit mitgenommen und möchte es in meiner eigenen Familie umsetzen.

Ich finde beides sehr schön. Das Warten und das Feiern. Den Kontrast, das Gegenteil des ständigen Einerleis. Und ohne hier mit dem erhobenen Zeigefinger auf fröhliche Lebkuchenesser zeigen zu wollen, möchte ich einladen, diesem heurigen Advent die Chance zu geben, echte Vorfreude in uns zu wecken auf die Ankunft des Sohnes Gottes in unserer Mitte.

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EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung zur Krankenschwester sozial in Indien tätig. Jetzt unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


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