Henny Lang

Henny Lang "Mein Tagebuch"

oma bitte kommen - meinefamilie.at
9. Januar 2019

Oma, bitte kommen! Warum hast du wieder keine Zeit?


Einmal wieder ein Schaumbad allein genießen, nur ich und eine Zeitschrift für Erwachsene! Gott, ist das lange her! Baden ohne Kinder, ohne Spielzeug und ohne „Mama kost mal, ich hab aus all deinen Fläschchen hier im Bad ein tolles Essen für dich gezaubert“, flötet die Kleine und schiebt mir einen Löffel Schaum ins Gesicht. Sogar ein paar Spritzer vom teuren Parfüm hat sie mit reingerührt! Durchatmen!

Oder ein Shoppingbummel ohne Gejammer, ohne Liste, ohne auf die Uhr zu sehen, vielleicht sogar ein oder zwei Kleider anprobieren, Kleider für mich! Das wär’s!

Heute aber wünsch ich mir einfach nur einen ruhigen Morgen ohne Hektik. Der letzte war in einem früheren Leben.

Jetzt aber los! Frühstück machen, Jause machen, alle aufwecken und beim Anziehen helfen, Barbiepuppenstreit im Bett, eine umgeleerte Cornflakespackung am Tisch, schnell alles aufkehren, mit dem ersten Kind zum Bus rennen, mit dem zweiten Kind zum Kindergarten, auf halbem Weg erschrecken, oje, heute ist Waldpädagogiktag, nochmal heim, Trinkflasche für die Kleine holen, zuhause wartet die Wäsche seit zwei Tagen aufs Bügeln, und am Telefon ist schon der Chef, der unbedingt und ganz dringend was braucht. Was? Na, mich!

Oma, bitte kommen!

Das sind die Momente, in denen ich am liebsten meine Mutter bei mir hätte.

Gut, wir haben nur noch eine fitte Omi. Und die ist selten greifbar. Nicht nur, weil ich in Wien und sie in Linz lebt, sondern auch weil meine Mutter ständig andere Verpflichtungen hat.

Hat sie nicht alle Zeit der Welt als Pensionistin? Nein, hat sie nicht. Nicht meine. Ihr Terminkalender gleicht dem eines Managers.

Theaterabo, Wirbelsäulengymnastik, Tennisrunde zweimal die Woche mit den sportlichen Freundinnen (alle übrigens um die 70 und weit fitter als ich es je war) und Kirchenchorproben zwischen Kirchenchoraufführungen mit den weniger sportlichen dafür hochmusikalisch und hochengagierten Freunden. Da darf sie nicht fehlen. Ganz klar. Und dazwischen hat sie Arzttermine, Reifenwechsel- und Sonderangebots-Einkaufstermine. Und wann kam sie zuletzt auf einen Sprung bei uns vorbei? Ach ja, das war, als ihr Lieblingsautor während der Wiener Buchmesse eine Lesung abhielt.

Es gibt nicht nur hyperaktive Kinder, es gibt auch hyperaktive Großmütter

Nein, ich darf nicht meckern. Ist ein Kind ernstlich krank, muss mein Mann auf Dienstreise, dann kommt sie. Laternenfest und Schulaufführung – sie kommt. Und die vielen Tage dazwischen, an denen ich sie brauche?

„Du Omi, da bauen sie grad ein Haus mit vielen Wohnungen fast gleich neben uns. Magst du da vielleicht hinziehen? Dann kann ich dich jeden Tag besuchen oder du kochst für uns?“ Was für ein lieber Versuch meiner Großen. Ich geb zu, die längere Pause, bis meine Mutter darauf antwortete, deutete ich kurz als ernsthaften Hoffnungsschimmer. Doch sie wusste offenbar nur nicht, wie sie es einer 7-Jährigen auf süße Art klar machen sollte, dass sie jetzt in Pension endlich den Freiraum einfordern will, den sie sich während ihrer gesamten Mutterschaftszeit täglich herbeigesehnt hat. „Mäuschen, das ist ein schöner Gedanke. Aber weißt du, ich muss doch bei mir daheim den Garten pflegen und mich um die Tante Hilde kümmern. Ich kann noch nicht umziehen. Ich will mein Haus noch nicht hergeben. Aber irgendwann mal, wenn ich älter bin, dann werde ich meine Enkerl brauchen.“

Ja, richtig, dann wird sie UNS brauchen. Aber wir brauchen SIE jetzt! Immer, ständig, nicht erst dann, wenn sie nicht mehr gehen, kochen und trösten kann.

„Bist du denn nicht froh, dass ich in meinem Alter noch so gut beisammen bin, dass ich euch nicht ständig anrufe und nerve?“ fragt sie mich. „Wer sagt denn was von nerven?“, murmel ich. „Ich weiß, was du von mir willst“, sagt sie und nimmt beim Spaziergang meinen Arm. „Und ich kann dich gut verstehen. Glaubst du, ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, zwei Kinder großzuziehen? Ich spiel gern mit deinen Mädchen, du weißt, ich liebe sie abgöttisch. Ich schlafe in ihrem Zimmer, lese um 6 Uhr morgens Geschichten vor und gehe auch beim Matschwetter mit ihnen auf den Spielplatz.“ Ich nicke.

„Ich komm furchtbar gern zu euch auf Besuch. Verstehst du, was ich meine? AUF BESUCH.“ Ich schlucke.

oma - meinefamilie.at

„Hab’s verstanden. Du willst nicht Kindermädchen spielen. Klar.“ Sie lächelt. „Ich bin stolz zu sehen, was für eine tolle Mutter aus dir geworden ist. Und wie du alles schaukelst. Aber für mich ist es noch nicht so lange her, da fandest du, dass ich mich zu viel in dein Leben einmische. Und jetzt soll ich mich wieder rund um die Uhr um dich kümmern. Schätzchen, du bist erwachsen. Und du bist stark. Du bist meine Tochter! Du schaffst das. Und wenn’s wirklich eng kommt, steig ich ins Auto und fahr zu dir.“

 

Es ist wohl Zeit, mit den Missverständnissen, was Großmütter betrifft, aufzuräumen.

Großmütter sind keine Leibeigenen, die man zu sich zitiert, um den Nachwuchs nach Belieben abzugeben. Großmütter sind keine kein Gratis-Personal. Großmütter kommen nicht gern, um zu putzen. Sie können sowohl das Putzen als auch das Kochen mitunter genauso wenig leiden wie ihre Töchter. Und mal ehrlich, welchen Besuch bitten wir sonst so, mal über die Fenster zu wischen? Großmütter sind durchaus eigenständige Menschen. Auch wenn sie ihre Töchter und Söhne hin und wieder anrufen, weil das dämliche Computerkastl spinnt. Großmütter sind keine Nannys. Sie haben unsere Kinder gern, aber eben nicht ständig gern um sich.

Großmütter sind keine kein Gratis-Personal.

Und Töchter wie ich, die ihre Selbstverwirklichung über viele Jahre hin ausgiebig betrieben haben, meinen nun auf einmal und ohne jedes Recht, dass der Wunsch ihrer Mutter, endlich nachzuholen, was in der Hektik des Lebens so liegen blieb, eine Verhaltensstörung ist! Eine Marotte!

Von wegen. Ich schäme mich. Großmütter haben ihren Anteil am Wirtschaftswachstum geleistet und auch am Überleben der Gene. Sie haben nicht nur ihren eigenen Nachwuchs mit bestem Wissen und Gewissen großgezogen, sondern mitunter (so wie meine Mutter) noch ihre Eltern und meinen Vater gepflegt. Dass sie sich jetzt endlich wünscht, was für sich selbst zu tun, ist nur gut und gerecht. Wer bin ich, ihr das zu übel zu nehmen?

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EIN ARTIKEL VON
  • Henny Lang

    Ich bin Mutter zweier Mädchen (5 und 7 Jahre alt), lebe in Wien und arbeite seit 2001 als freie Journalistin und TV-Redakteurin. Hobbymäßig bin ich Malerin, veranstalte Vernissagen zu meinen Bildern und Bastelnachmittage mit Kindern ganz privat bei mir zuhause.


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