Vali Schwarzbauer

Vali Schwarzbauer "Mein Tagebuch"

Nasen-OP und Solidaritäts-Hungern - meinefamilie.at
16. Juni 2016

Nasen-OP und Solidaritäts-Hungern


Endlich! Der Tag war gekommen, an dem die Ohren unseres Sohnes Jonathan wieder funktionstüchtig gemacht werden sollten. Wie wir daraufhin gefiebert hatten. Mein Mann (weniger) und ich (mehr), weil Hoffnung bestand, dass unser Gebrüll wieder Gehör finden würde. Der Patient, weil ihm ein kleines Tapferkeitsgeschenk prophezeit wurde. Der kleine Bruder, weil er bei seinen vier Cousinen übernachten durfte und der Tag viel Rosa versprach (seine absolute Lieblingsfarbe, die in seinem Bubenleben bedauerlicherweise viel zu selten vorkommt).

Pünktlich um 6:30 (cum tempore) standen Jonathan und ich beim Aufnahmeschalter im Krankenhaus. Bepackt mit Stofftieren, Büchern, Spielen, Essen und nochmal Essen. Ich hatte beschlossen, die 20,50 Euro Begleitpersonenaufnahmegebühr zu sparen und selbst für meine Verköstigung zu sorgen. Eiskaffee, Schokokekse, Zucchinicremsuppe, Nüsse, zwei Weckerl und ein Apfel werden mich bis zum Morgengrauen gut über die Runden bringen. Doch an Essen war zu dem Zeitpunkt ohnedies nicht zu denken, da Jonathan ja nüchtern sein musste. Womit auch ich nüchtern zu sein hatte. Mitgehangen – mitgefangen. Food-Challenge accepted! So lange wird das ja wohl nicht dauern bis er im OP ist…

Knurrende Mägen und Motivation

Auf der HNO-Station angekommen wurden wir auf das Zimmer gebracht, wo bereits zwei weitere kleine Patienten warteten; beide bereits in diese feschen Krankenhaushemdchen gekleidet. Es war mittlerweile 8:30 Uhr und Mägen begannen lauter zu knurren. Motivationsparolen á la „Du schaffst das! Noch ein bisschen durchhalten und dann gibt’s gesunde Ohren und etwas Gutes zu essen!“ versuchten das Leben aussichtsvoller zu machen. Ich weiß nicht, wer mehr über Wasser gehalten werden musste: er oder ich. Jedes Mal, wenn Jonathan auf dem Klo verschwand, nutzte ich die Gelegenheit und stopfte mir heimlich einen Bissen von meinem Weckerl in den Mund, der dann verborgen gekaut werden musste. Kein Problem für mich:

Heimlich kauen lernt man mit der Zeit, wenn man Kinder hat und mal ein Stück Schokolade für sich alleine haben möchte.

Ein wenig gestärkt von den drei Bissen bemerkte ich erst jetzt Details von Jonathans Zimmerkumpanen. Ein sechsjähriges Mädchen auf der linken und ein Vierjähriger auf der rechten Seite. Bei beiden waren sowohl Mama als auch Papa mitgekommen, und natürlich die Geschwister. Ich fühlte mich wahnsinnig emanzipiert und selbstständig, weil ich das ganze Krankenhausabenteuer ganz alleine, ohne meinen Mann, Geschwister, Haustiere und Campingutensilien bestritt.

Sehnsüchte nach dem Eiskaffee

Die Zeit verging, schleppend aber doch. Buchseiten wurden zum wiederholten Male mehr oder weniger gelesen, Klogänge verrichtet (erstaunlich, wie oft man aufs Klo rennen muss, wenn man nichts im Magen hat), Betten wurden hinauf und hinunter und wieder hinauf und hinunter gelassen, bis schließlich der Krankenpfleger ins Zimmer kam und auf Jonathan zusteuerte. Endlich! Wir sind dran. Inzwischen war die erste Patientin wieder im Zimmer, und auch der zweite war schon zur OP abgeholt worden. Doch: zu früh gefreut. Es erreichte uns nur die Hiobsbotschaft, dass sich die Operation um zwei Stunden verzögern würde, da eine dringende Nasenoperation dazwischen gekommen sei. Mein Mitgefühl für diese arme Nase hielt sich in Grenzen. Also weiter hungern. Sehnsüchtig blickte ich immer wieder zu meinem Eiskaffee… Die Zeit wird kommen, tröstete ich mich immer wieder. Also noch einmal zwei Stunden meine besten Animationskünste darbringen, wobei ich kaum mithalten konnte mit all dem, was ein Krankenhausbett so alles zu bieten hat.

Schließlich wurde Jonathan doch abgeholt. Es konnte also losgehen. Deutlich geschwächt durch meine temporäre Unterernährung und höchst konzentriert mir den Weg zum Tatort zu verinnerlichen (schließlich musste ich später alleine dorthin finden, um Jonathan im Aufwachzimmer zu erwarten), konnte ich kaum mit dem Bettenschieber mithalten. Geradeaus, bis zum Lift, ein Stockwerk hinunter, nach rechts, ewig lange geradeaus, dann Sprechanlage mit bestimmten Code bedienen, schwarzen Griff drücken, nach links, nach rechts, Schutzkleidung drüberwerfen und bereitstehen. Ja, das schaffe ich.

Zaubertrank statt Hungersnot

Jonathan hatte inzwischen seinen „Zaubertrank“ verabreicht bekommen, der seine kleine Panikattacke und seine Hungersnot vergessen, und stattdessen ungeahnte Phantasiewelten entstehen ließ. Ich hätte auch nichts gegen so einen Trunk gehabt…

Und dann verschwand mein Bubi hinter den OP-Türen. Mein leicht hysterisches Good-bye-Gewinke wurde abrupt vom starren Blick eines kopfschüttelnden Krankenhauspflegers beendet. Ich weiß, dass mich mein Kind nicht mehr sehen kann, aber es fühlt sich sehr fürsorgend an, ewig lange zu winken.

Da hier nichts mehr für mich zu tun war, machte ich mich wieder auf den Weg zurück ins Zimmer. Dort angekommen, stürzte ich mich auf meine Tasche und begann mein Weckerl fertig zu essen. Es war bereits 13:30 Uhr, und wenn man bedenkt, dass ich seit 5:10 Uhr munter bin, hatte ich mir mein Mahl mehr als reichlich verdient. Den ersten Hunger gestillt, bemerkte ich erst, dass beide Zimmerkollegen plus Familien wieder im Zimmer waren. Beide fertig operiert und von der Narkose erwacht, doch beide immer noch hungrig. Man muss nach der Operation noch drei Stunden warten, bis man etwas trinken, und dann noch einmal 1 ½ Stunden bis man etwas essen darf, so wurde ich aufgeklärt. Peinlich! Um einfach irgendetwas zu tun, bot ich den beiden Familienclans etwas aus meiner Essensschatztruhe an. Doch, da beide Familien muslimisch waren, lehnten sie freundlich dankend ab. Ach ja, Ramadan! Ich kam mir wie ein haltungsloser Vielfraß vor und ließ meinen heißersehnten Eiskaffee wieder in die Tasche sinken. Also nochmal warten. Es sollte noch sechs weitere Stunden dauern, bis ich endlich meinen Eiskaffee, der dann jedoch bloß noch Kaffee war, genießen konnte.

Der Kampf mit dem Essen

Nach 45 Minuten Operationszeit verbrachten Jonathan und ich eine halbe Ewigkeit im Aufwachzimmer (ja, ich hatte es gefunden!). Zuerst lautete die Devise, ihn schlafen zu lassen. Doch nach 1 ½ Stunden war seine Zeit anscheinend abgelaufen, denn nun wurde mir befohlen, ihn aufzuwecken. Liebevoll säuselte ich ihm einige Male ein „Hallo Jonilein, die Mami ist da!“ in sein blutverschmiertes Ohr, und streichelte ihm sanft seine nackte Schulter. Null Wirkung. Dann kam die Schwester und zeigte mir vor, wie man das professionell macht.

Einmal ins Ohr geschrien, kräftig durchgekitzelt und der Knabe war munter. Wieder etwas gelernt.

Endlich wieder oben im Zimmer angekommen begann dann erst der wahre Kampf mit dem Essen – oder besser gesagt Nichtessen. Dass nun die beiden anderen bereits ihre Essenserlaubnis bekommen hatten und genüsslich Schokopudding und Pizza schmatzten, war nun auch nicht gerade hilfreich. Meine Ablenkungsmanöver verloren allmählich ihre Wirkung. Wo war nur mein Familienclan, wenn man ihn mal braucht! Doch da erschien zum Glück Rettung aus tiefster Not: mein Mann; auch er bepackt mit Essen ohne Ende, sodass man meinen hätte können, er müsste das halbe Krankenhaus notversorgen. Da es immer noch zwei Stunden bis zum Essen waren, konzentrierten wir uns auf all die Geschenke, die er aus seinem Sackerl hervorzauberte. Gerettet! Mit einem Playmobil-Arzt-Set in der Hand vergisst man selbst den größten Hunger. Jonathan zumindest, bei mir zeigte es keinerlei Wirkung.

Jubel über Zucchinicremesuppe

Und dann war es auf einmal 19:15 Uhr: Es durfte wieder gegessen werden. HALLELUJA! Oh, was haben wir zwei gejubelt. Noch nie zuvor hat mir eine Zucchinicremsuppe besser geschmeckt und auch Jonathan verschlang mit Höchstgenuss Kartoffelpüree, Gemüsesuppe, Fleischlaberl und Schokopudding. Alles zirka zugleich.

Später, um drei in der Früh, als der muslimische Papa nebenan im Mondschein sein Festmahl zu sich nahm, wälzte ich mich bereits zum hundertsten Mal von einer zur anderen Seite. Jonathan hatte sich durch die Operation offensichtlich das Schnarchen angewöhnt. Meine Sparmaßnahme hatte mir einen Schlafplatz in Jonathans Krankenbett beschert und dazu noch gräuliche Rückenschmerzen. Und der so ersehnte Kaffee lag mir zutiefst im Magen. Wie angenehm war da eigentlich das Hungern gewesen…

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EIN ARTIKEL VON
  • Vali Schwarzbauer

    Nachdem ich als Vierling aufgewachsen bin und unsere Söhne (3, 6) großziehen darf, kenne ich die Höhen und Tiefen einer Familie. Darüber zu schreiben, ist neben dem Homeschooling unserer Kinder eine willkommene Abwechslung. Was mich noch begeistert: Gott, mein Mann, Laufen, Erdnussbutter und ein gutes Buch.


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1 Kommentare
  • Antonia, 16. Juni 2016, 18:31 Antworten

    Das hatten wir letztes Jahr ;-) aber ich gebe zu, dass ich nicht nüchtern geblieben bin. .. als sie meinen Sohn (dank Medikamente in aller bester Laune) in der Früh in den OP geschoben haben, ging ich frühstücken.

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