Sandra Lobnig

Sandra Lobnig "Mein Tagebuch"

Mit Kindern in die Rorate - meinefamilie.at
9. Dezember 2017

Mit Kindern in die Rorate – oder doch Bäckerei


Ich hätte wissen müssen, dass es in die Hose gehen würde. Aber ich hatte dieses romantische Bild vor meinem inneren Auge: Wir fünf frühmorgens in der Roratemesse. Die Kinder bezaubert vom Schein der Kerzen respektive noch zu müde, um im Gottesdienst Radau zu schlagen. Wir Eltern entspannt, mit dem guten Gefühl als Familie etwas Nicht-Alltägliches, vielleicht sogar etwas Abenteuerliches zu erleben. Am Abend zuvor sind die Kinder richtig motiviert, auch bei der Hinfahrt im Auto ist die Stimmung noch gut. Wir kommen für unsere Verhältnisse zwar leise, aber doch mit der Geräuschwolke einer Familie mit Kleinkindern in die stille Kapelle.

Fast alle Plätze sind besetzt, einige der Gottesdienstbesucher rücken zusammen, um uns Platz zu machen. Und dann das große Drama: Mein Sohn schafft es nicht, das Teelicht anzuzünden und muss sich furchtbar und ganz und gar nicht leise ärgern. Meine Hilfe lehnt er ab, ebenso meine flüsternden Versuche, ihn zu beruhigen. Schließlich geben wir auf und ziehen wieder ab. Da stehen wir nun um sieben Uhr früh vor der Kirche in der Kälte, die Kinder heulen mittlerweile alle drei und ich denke nur: „Wie peinlich!“

Pläne durchkreuzt

Unser morgendlicher Ausflug verlief ganz und gar nicht nach meinen Vorstellungen. Wie ärgerlich! Ach, würde mein Leben doch nur so laufen, wie ich mir das ausmale! Ich kann wirklich schwer damit umgehen, wenn meine Pläne durchkreuzt werden. An Marias Stelle hätte ich damals zum Engel Gabriel bestimmt gesagt: „Mutter des Gottessohnes sein? Nein, das passt mir gar nicht. Ich stelle mir mein Leben eigentlich ganz anders vor.“ In meinem perfekt geplanten Leben hätte der lebendige Gott wenig Raum.

Und dann merke ich manchmal, sobald mein anfänglicher Ärger sich gelegt hat, dass gerade die ursprünglich ganz anders geplanten Chaosmomente die Einfallstore für Gott sind.

Das Scheitern und die durchkreuzten Pläne bergen für mich die Chance, mich ihm wirklich anzuvertrauen. Was unser morgendliches „Abenteuer“ angeht, endeten wir schließlich in einer gemütlichen Bäckerei mit Schokocroissant, Milch und Kaffee. Vielleicht wage ich in diesem Advent noch einen Versuch mit der Rorate – aber dann bestimmt ohne Kinder.

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EIN ARTIKEL VON
  • Sandra Lobnig

    Seit ich Kinder habe, ist mein Leben schöner, erfüllter, spannender geworden. Und wahrscheinlich auch anstrengender. Ich bin Theologin und lese und schreibe über Ehe-, Erziehungs- und Glaubensthemen. Mit meinem Ehemann und unseren vier kleinen Kindern lebe ich in Wien.


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