Gottfried Hofmann-Wellenhof

Gottfried Hofmann-Wellenhof "Mein Tagebuch"

Brummi-Tag - meinefamilie.at
20. April 2016

Wann ist Brummi-Tag? Mit Kindern beim Zahnarzt


Jeden zweiten Mittwoch, wenn mein kleinster Sohn Jakob (6) aufwacht, möchte er tot sein. Neuerdings verlangt er sogar mein dickes Taschenmesser. Das erste Mal war ich, wie man sich vorstellen kann, sehr besorgt. Seit ich weiß, dass er alles in Kauf nehmen würde (sogar seinen Teddybären würde er hergeben), nur um nicht zum Zahnarzt gehen zu müssen, bin ich es nicht mehr.

Seit einiger Zeit fahre ich also jeden zweiten Mittwoch mit Jakob und Sophie zum Zahnarzt. Meine Frau will nicht. Sie kann nicht zusehen, wie unsere beiden Kleinsten weinen, sagt sie.

Während der Autofahrt sehe ich im Rückspiegel, wie sich Jakob bekreuzigt. Immer wieder. Seine Augen sind dabei fest geschlossen, seine Lippen bewegen sich lautlos.

Lockmittel Spielzeug und Eis

„Jakob, wenn du bei der Zahnärztin den Mund weit aufmachst, darfst du dir nachher was Schönes zum Spielen aussuchen. Ja?“ Jakob ist augenblicklich ganz munter: „Den Zug von Lego?!“ – „Also der ist schon sehr teuer, aber du findest sicher auch etwas anderes.“

Im Wartezimmer sitzt ein Vater. Auf seinem Rücken turnt ein vielleicht dreijähriger Knabe, ein Mädchen liegt auf dem Boden und zeichnet, ein weiteres hockt unter dem Tisch und heult. „Jacqueline, wenn du jetzt nicht gleich reingehst, kriegst du kein Eis.“ Jacqueline kommt nicht aus ihrer Deckung und reagiert auf die Stimme ihres Vaters mit anhaltendem Schluchzen.

Plötzlich öffnet sich die Tür. Eine Frau, offensichtlich die Mutter der vier Kinder, kommt mit einem heftig plärrenden Buben aus dem Behandlungszimmer. „Gell, Kevin, es hat gar nicht weh getan! Sag der Jacqui, dass es gar nicht weh getan hat!“ Kevin sagt nichts, sondern brüllt jetzt im Diskant.

Ein Ringkampf zwischendurch

Seine Schwester hockt weiterhin unter dem Tisch und weint. Der Vater versucht die Kleine, die sich an das Tischbein klammert, hervor zu zerren. Der Tisch schwankt, stürzt aber nicht um. Im ungleichen Ringkampf bleibt schließlich der Vater Sieger. Er stemmt seine Tochter, die nun mit beiden Fäusten wild gegen seine Brust trommelt, in die Höhe.

„Jakob, kommst du bitte mit!“ Die samtene Stimme der Assistentin verfehlt ihre Wirkung. Mein Sohn verlangt noch einmal mein Taschenmesser, schlägt in panischer Angst Kreuzzeichen. So nähern wir uns der freundlichen Ärztin: „Auf welchem Stuhl möchtest du denn sitzen, Jakob?“ Jakob will nirgendwo sitzen. Er will wieder hinaus gehen.

Ich lege mich auf den Stuhl, auf mir liegt mein kleiner Sohn, seine Hände zum Gebet verkrampft, hinter mir steht meine Tochter, die mir unablässig die Stirn küsst.

Die Ärztin zieht einen Bohrer. „Schau, Jakob, das ist ein kleiner Brummi – ist der nicht lustig?“ Mein kleiner Sohn findet ihn nicht lustig. Er stellt sich schlafend, will den Brummi offenbar nicht sehen.

Messerscharfe Diagnose

„Jakob, wenn du den Mund nicht aufmachst, kann die Frau Doktor nicht bohren“, diagnostiziert die Assistentin messerscharf. Mein kleiner Sohn reagiert nicht.

„Wenn du jetzt brav den Mund aufmachst“, flüstere ich ihm ins Ohr, nachdem ich mich kurz aus der Umklammerung meiner Tochter befreit und nun genug Luft zum Sprechen habe, „darfst du dir nachher im Spielzeuggeschäft etwas Schönes aussuchen.“

Jakob öffnet seine Lippen einen Spalt breit. „Weiiit – ganz weiiiiit – noch weiiiter – ja, sehr brav.“ Die beiden Damen jubeln in ehrlicher Erleichterung. Brummi nähert sich dem Zahn, kommt aber nicht ans Ziel.

Brummi brummt laut

Plötzlich schreit Jakob. Es ist das Geräusch, das er nicht erträgt, sagt er. Leider lässt sich Brummi nicht leiser drehen. Die Ärztin, weiterhin beneidenswert geduldig, setzt Brummi auf ihrer Hand an, um zu demonstrieren, dass er gar nicht weh tut.

Schließlich kommt er doch ans Ziel, jedoch nur für kurze Zeit. „Bitte, eine Pause“, stöhnt mein Kleinster. Also Brummi raus – Pause – Brummi rein – Brummi raus – Pause – Brummi rein …

Irgendwann bleibt der Brummi für dieses Mal draußen. Der Ärztin, selber Mutter von zwei Kindern, gebührt ein Kompliment für ihr Verständnis, dem tapferen Patienten das versprochene Trostgeschenk.

Wenig später im Spielzeuggeschäft hat Jakob dann die Qual der Wahl. Als er sich endlich für das Feuerwehrauto entschieden hat, fragt er: „Wann gehen wir eigentlich wieder zum Zahnarzt? Beim nächsten Mal nehme ich dann die Polizeistation oder das Rettungsauto.“

Nun fragt er mich täglich, wann endlich wieder Mittwoch ist. Er kann die Zeit, bis der Brummi kommt, kaum erwarten. Ich schon.

Nächsten Mittwoch von Gottfried Hofmann-Wellenhof: “Papa, bitte hoppa!

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EIN ARTIKEL VON
  • Gottfried Hofmann-Wellenhof

    Mit meiner Frau habe ich fünf Söhne, drei Töchter und einen Adoptivsohn aus Kamerun. Die Erfahrungen mit meiner Großfamilie teile ich in Kolumnen und Büchern. Meine Hobbys: Hometrainer, Fußballmatches meiner Söhne, Kochen und Lesen.


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