Karin Roth

Karin Roth "Mein Tagebuch"

Mehrgenerationenhaus – ein Einblick
4. November 2019

Mehrgenerationenhaus – ein Einblick


In unserem Haus, das den Namen „Haus Noah“ trägt  – warum  das so ist, ist eine eigene Geschichte –  leben mehrere Generationen miteinander. Wir, mein Mann, ich und unser Hund, wohnen im Erdgeschoß. Meine Tochter mit ihrer Familie wohnt, demnächst mit drei kleinen Kindern, im ersten Stock und ganz oben wohnt einer meiner Söhne.

Ein ganz normaler Morgen…

Kleine trappelnde Füße kommen die Treppe herunter. Meine vierjährige Enkelin stürmt ins Wohnzimmer und ruft strahlend: „Eine Oma!“, und versucht mir begreiflich zu machen, dass sie jetzt sofort mit mir ein Puzzle spielen will. Das ist durchaus eine Herausforderung für sie, da Saphira Autismus hat.

Sie ist ein entzückendes Mädchen mit blonden Locken und großen blauen Augen, hat sogenannte Inselbegabungen, kennt das Alphabet, beginnt zu lesen, kann Zahlen lesen, Formen benennen etc. und hat gleichzeitig Schwierigkeiten zu kommunizieren.

Warum erzähle ich euch das?

Ein Charakteristikum von Mehrgenerationenwohnen ist, dass man wirklich viel voneinander mitbekommt. Manchmal mehr, als man mag. Diese Art zu wohnen bringt Spannungen, Herausforderungen, Lernerfahrungen, gute gemeinsame Zeiten und auch ein unterstützendes gemeinsames Gehen mit sich.

Wie so vieles im Leben, ist es schwierig und schön!

Im Spannungsfeld

Das, was ich daran genieße, ist unter anderem der Kontakt mit den Enkelkindern, dass die beiden Mädchen ganz vertraut mit uns sind und wir ihre Entwicklungen mitverfolgen können.  Im Moment sitze ich in einem Hotelzimmer in Wien, bin bereits seit einer Woche beruflich unterwegs und ich vermisse die beiden Mädchen schon richtig.

Auch sich gegenseitig zu unterstützen, füreinander Dinge mitzunehmen beim Einkaufen, dann und wann füreinander zu kochen, sich ein Auto ausborgen zu können und viele andere praktische Dinge, können für alle Beteiligten positive Aspekte sein.

Weniger positiv ist der Dominoeffekt bei Krankheiten, wie z.B. den „beliebten“ Magen-Darm-Infekten. Die Kinder bringen es nach Hause und dann geht es im Kreis herum. Das hatten wir letzte Woche gerade live! Details erspare ich euch.

Damit das Zusammenleben funktioniert

Eine zentrale Herausforderung, damit dieses Miteinander gelingen kann, liegt darin, wirklich achtsam mit Grenzen umzugehen.

Sowohl mit den eigenen Grenzen als auch mit denen der anderen, und das ist nicht immer einfach und natürlich passieren dabei auch Fehler. Es ist nur die Frage, wie gehe ich mit Fehlern um. Versuchen wir daraus zu lernen und konstruktive Lösungen zu finden, oder werfen wir sie den anderen immer wieder vor.

Das ist wie….

Lasst mich mit einer Metapher verdeutlichen was ich damit meine. Das, was mich am anderen stört, was für mich im Umgang miteinander schwierig ist, scheint oft wie ein großer Stein, der zwischen uns liegt und verhindert, dass ich die andere Person noch wirklich sehe. Der innere Blick geht viel mehr auf das, was uns ärgert, die unterschiedliche Sichtweise – auf das Problem. Dabei entfernen wir uns innerlich immer weiter voneinander und starren dabei wie gebannt auf diesen „Stein“.

Es scheint, als könnten wir einander erst wieder „gut“ sein, wenn dieser „Stein“ weg, das Problem gelöst ist. Wir fühlen uns voneinander angegriffen und nicht verstanden.

Lösung ohne Lösung

Es mag sein, dass ein erster und wichtiger Schritt für eine „Lösung“ darin liegt, den Anspruch, den Konflikt um jeden Preis lösen zu müssen, für jetzt einmal aufzugeben. Stattdessen gebe ich diesem „Stein“ die Erlaubnis, da zu sein, und fokussiere mich auf die Beziehung zum anderen.

Bildlich gesprochen sagen wir nicht mehr, ich kann erst wieder mit dir, wenn dieser „Stein“ weg ist, sondern wir heben den Blick, schauen einander an.

Anstatt zu versuchen, den „Stein“ zu bewegen, gehen wir aufeinander zu, legen vielleicht den Arm um die Schulter des anderen und überlegen gemeinsam, was ein nächster möglicher Schritt sein könnte.

Das heißt, wir unterstellen dem anderen, dass er/sie es auch gut meint und das Beste gibt. Vielleicht kommen wir dann zu dem Schluss, dass jede(r) aus seiner Sicht recht hat und wir stimmen überein, in dieser Sache nicht übereinzustimmen oder einfach noch keine Lösung zu haben. Wenn es uns gelingt, einander mit einer Haltung von Liebe und Freundlichkeit zu begegnen und diese Haltung auch im Alltag zu bewahren, ist das nicht die Lösung, aber es hilft, auf dem gemeinsamen Weg Lösungen zu finden.

Was mir hilft, wenn ich in so einer Situation bin und nur noch den „Stein“ im Blick habe, ist:

Ich nehme mir Zeit an einem ruhigen Ort

Nehme mir ein Notizbuch mit, in welchem nur gute Erinnerungen stehen

Und schreibe auf, was ich an der anderen Person alles schätze, wo ich schon Segen durch diese Person erfahren habe, was ich durch sie gelernt habe und welche lustigen, inspirierenden und vielleicht auch traurigen Erlebnisse wir bereits gemeinsam hatten.

Meistens, wenn ich von so einer Zeit aufstehe, fühle ich mich der anderen Person wieder viel näher und es ist plötzlich wieder Dankbarkeit da, dass wir gemeinsam im „Abenteuer Leben“ unterwegs sein dürfen.



EIN ARTIKEL VON
  • Karin Roth

    Mein Name ist Karin Roth, ich bin Mutter von vier erwachsenen Kindern und habe fast fünf Enkelkinder und einen Hund. Wir leben in einem Haus mit drei Generationen, ein turbulentes und spannendes Leben – mein geringstes Problem ist Langeweile. Beruflich leite ich die Ombudsstelle der Erzdiözese Salzburg für sexuellen Missbrauch und Gewalt, habe eine Praxis für Lebens- und Sozialberatung und halte Seminare und Trainings.


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