Maria Spenger

Maria Spenger "Mein Tagebuch"

Luise bleibt Luise - meinefamilie.at
18. Februar 2016

Luise bleibt Luise


„Bist du zu Hause?“, lese ich auf meinem Handy. Eine Freundin wollte sich, wie sie es nannte, an meiner Schulter ausweinen.

Was war geschehen?

Ich erinnere mich, als unsere älteste Tochter in die Volksschule kam und mir von ihren Freundschaften dort erzählte, lief es mir oft kalt über den Rücken. Viele Erfahrungen aus meiner damaligen Zeit kamen hoch und bewegten mich. Ich hatte mit 6 Jahren mit der Schule begonnen, kannte wenige Kinder und war die ersten drei Schuljahre damit beschäftigt, einen Platz in einem „Dreiergespann“ zu finden. Beleidigungen und kindliche Intrigen standen an der Tagesordnung. Selbstverständlich haben wir uns auch immer wieder versöhnt, dennoch konnte ich nicht sichergehen, dass der morgige Tag auch so friedlich verlaufen würde. Im Nachhinein gesehen „Kinderkram“, aber ohne beste Freundin für mich damals schwer zu verkraften.

Für mich war es eine Herausforderung, meinen Mädels aus dieser Zeit zu erzählen, um ihnen zu verdeutlichen, dass derartige Zustände in diesem Alter normal zu sein scheinen, ohne meine Befürchtungen hineinzuarbeiten und andere Kinder abzustempeln.

Es war eine gute Möglichkeit für mich, einen anderen Blick auf einige Narben aus der eigenen Volksschulzeit zu bekommen und zu sehen, wie unsere Kinder mit Freundschaften umgehen und Krisen bewältigen.

Die eigene Vergangenheit ist Gegenwart der Kinder

Meine Freundin kam also zu mir mit einem ähnlichen Anliegen. Sie entdeckte, dass ihr Kind die gleichen Situationen durchlebt wie sie damals. Fürchterlich. Mitleid. Selbstmitleid.

Es ist nicht leicht, sich mit Dingen, die einem schmerzlich widerfahren sind und uns geprägt haben, auseinanderzusetzen. Dennoch ist mir durch meine Kinderlein noch einmal deutlich bewusst geworden, dass sie gleiche oder ähnliche Erlebnisse anders verarbeiten. Luise bleibt Luise.

Vielleicht projizieren wir unsere Probleme zu oft in unsere Kinder, sodass sie sich durch unser Mitleid in ihrem Leiden bestätigt fühlen. Damit nehmen wir ihnen die Gelegenheit, sich selbst mit den Dingen des Lebens positiv auseinanderzusetzen.

Ist anstatt von Worten nicht ein offenes Ohr das Wichtigste für unsere Kinder?

…außerdem etwas zum Schmunzeln

Abgesehen von allem Schwierigen passiert viel Lustiges in unserer Familie. Ein Erlebnis möchte ich mit euch teilen:

Es ist Abend. Wir versammeln uns zur abendlichen Geschichte, als sich plötzlich der Dreijährige den Daumen einklemmt. Seine aufmerksame große Schwester bringt ihm einen Eiswürfel, um den Finger zu kühlen und um sein klagendes Jammern zu beenden. Wir lesen entspannt die erste Seite des neuen Kapitels, als der Leidende plötzlich erneut beginnt zu schreien. „Mein Eiswürfel, mein Eiswürfel ist weg!“ Die Geschwister und Frau Mama fahren hoch, durchsuchen seinen Liegeplatz, doch nirgends ist das kühlende Gut zu finden. Da sagt unsere Zehnjährige scherzhaft: „Er hatte ihn sicher im Mund und gelutscht!“ Alle blicken auf ihn und sehen ein zartes verschmitztes Grinsen auf seinem nickenden Gesicht.

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EIN ARTIKEL VON
  • Maria Spenger

    Eines schönen Tages fahre ich mit meinem Zweijährigen in der Straßenbahn. Er sieht einen Jogger in Leggins, läuft hin, gibt ihm einen Klaps auf den Hintern und ruft „Popschi!“ ;-) Was wir als Familie erleben, was uns bewegt und wie wir dadurch auch wachsen, könnt ihr in meinem Tagebuch lesen. Mit unseren sechs lebhaften Kindern leben wir in Wien und machen nichts Besonderes, außer Familie zu sein.


    Zum Tagebuch des Autors

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