Maria Lang

Maria Lang "Mein Tagebuch"

loslassen lernen - meinefamilie.at
26. Juli 2018

Loslassen lernen


Meine Tochter Sara (9) ist heuer zum ersten Mal allein auf Jungscharlager. Sie war schon öfters mal allein bei einer Freundin über Nacht zu Besuch, aber eine ganze Woche war sie bisher noch nie weg. Ich merke, dass es für sie, aber auch für mich ein großer Schritt ist. Wir müssen beide lernen, einander loszulassen.

Für mich ist es nicht das erste Mal. Auch meine beiden älteren Söhne waren ungefähr in dem Alter zum ersten Mal auf Zeltlager. Doch sie waren zu zweit. Sie hatten einander in dem fremden Umfeld. Und ich merke, für mich macht es auch einen Unterschied, dass sie Buben sind und Sara ein Mädchen. Obwohl ich weiß, dass Sara weiß, was sie will und sich auch gut durchsetzen kann, sehe ich sie trotzdem als mein Mädchen, das ich beschützen möchte. Sie ist sehr sensibel und nimmt sich Dinge sehr zu Herzen. Ich wünsche mir so sehr, dass sie immer jemanden hat, wenn sie Trost braucht oder Ermutigung. Auch Buben brauchen das, aber ich finde, es gibt da trotzdem einen Unterschied.

Vertrauen schafft Selbstständigkeit

Bei allem Schutzinstinkt möchte ich aber auch keine Glucken-Mutter sein. Ich will meinen Kindern zutrauen und zumuten, manche Erfahrungen selbst zu machen. Also fragte ich Sara, wie sie sich das vorstellt, wer sie hinbringen soll zum vereinbarten Ort. Sie wünschte sich, dass ich sie mit dem Auto fahre. Das Packen ihrer Sachen im Vorfeld machten wir gemeinsam. In einem unbemerkten Moment schmuggelte ich ein Kuvert mit einer Karte in den Koffer, auf die ich ermutigende Worte geschrieben hatte. Auf einen kleinen Zettel hatte ich “Ich hab dich lieb” gekritzelt. Vielleicht würde ihr das helfen, wenn sie mal ein emotionales Tief hatte.

Schritt für Schritt

Auf der ca einstündigen Fahrt zum Lagerort hörten wir eine CD, die Sara aussuchen durfte. Als ich sie fragte, ob sie nervös sei, gab sie zu, dass sie schon ziemlich aufgeregt war. Aber sei freute sich auch, besonders darauf, mit ihrer besten Freundin und anderen Kindern eine ganze Woche zu verbringen! Nach einiger Sucherei (mangels Navi) waren wir schließlich da und die anderen Kinder trudelten nach und nach ein. Wir erledigten die Anmeldeformalitäten, dann spielte Sara sofort mit den anderen, wollte aber, dass ich noch bleibe, bis ihre Freundin da ist. Ich setzte mich also in die Sonne, plauderte ein wenig mit anderen Eltern und beobachtete Sara beim Spiel. Wie groß sie schon geworden ist! Meine hübsche Tochter, mein einziges Mädchen! Innerlich freute ich mich sehr für sie und auch über sie. Es ist schön, zu sehen, wie die eigenen Kinder Schritt für Schritt selbstständig werden! Und gleichzeitig ist es auch schön zu wissen, dass ich als Mama wesentlich dazu beitragen kann, dass dieser Wachstumsprozess gut verläuft.

Dann war es so weit. Saras Freundin war da. Sie war bereit für den Abschied. Nach einer innigen, aber kurzen Umarmung überließ ich sie den Jungscharleitern und setzte mich allein ins Auto. Kurz verschnaufen, loslassen, segnen, sie gedanklich Gottes Fürsorge anvertrauen. Dann legte ich eine CD meiner Wahl ein, drehte richtig laut auf und genoss die Heimfahrt allein.

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EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung sozial in Indien tätig. Nun unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


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