Angelica Spießberger "Mein Tagebuch"

18. Juni 2019

„Liebe zeigt sich in den kleinsten Dingen, ganz unscheinbar“


Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes niederschreiben. Wenige Tage vor dem 8. Geburtstag meines Sohnes war ich bisher damit beschäftigt, mir über das Schenken Gedanken zu machen. Das wär doch ein gutes Thema für die ersten Zeilen eines Blogs. Doch es kam etwas dazwischen. Wiedermal Ausnahmezustand und kurze, sehr kurze Nächte. Drei Patienten. Einer davon mein Mann.

Wir sind wieder mal krank. Darin sind wir als fünfköpfige Familie schon Profi. Worin ich leider noch kein Profi bin, ist das Liebevoll- und Geduldig-Sein, wenn ich nachts zum zwölften Mal das Bett verlasse, um Salbeitee zu kochen und wieder einen der drei Patienten zwingen muss, das fiebersenkende Mittel zu schlucken. Logische Argumentation prallt hier auf Fieber-Trotz.

(c) iStock

„Liebe zeigt sich in den kleinsten Dingen, ganz unscheinbar“ – das schwirrt mir durch den Kopf. Wieso fühlen sich solche Nächte, die doch Hingabe pur sind, überhaupt nicht nach Liebe an? Wieso habe ich nicht das Gefühl, wertvolle Beziehungsarbeit zu leisten und das Band der Liebe wieder enger zu knüpfen. Müde – so fühl ich mich. Tagsüber wird es dann auch nicht besser. Streiten sich meine Kinder, hab ich nach solchen Nächten nicht die Geduld sachlich und unparteiisch zu bleiben, oder gerecht.

Ganz oft muss ich mich dann entschuldigen für die Lieblosigkeit, mit der ich Worte nur so rausschleudere und die dann manchmal wirklich treffen und wehtun. Ein kleines Gefühl von Niederlage macht sich dann bemerkbar. Als ob die ganze Hingabe, in die ich nachts all meine Kraft und Liebe gepackt hatte, so fest hineingestopft, dass ich sie selbst nicht sehen konnte, mit einem kleinen Wort wertlos geworden wäre. Tolles Vorbild von Liebe und Hingabe, denk ich mir.

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Wenn sich dann aber wieder ein glühendes Köpfchen auf meinen Schoß oder an meine Brust legt, ist es wieder da – das Gefühl doch Liebe und Geborgenheit zu schenken. Und mit jedem Wadenwickel, jedem Kraulen und Streicheln blitzt es kurz auf, das Gefühl der liebevollen Hingabe. Ganz kurz, ganz unscheinbar, aber doch da.

„War es ein schlechter Tag, oder waren es schlechte 5 Minuten, an die du den ganzen Tag gedacht hast“… diese Schildaufschrift kommt mir gerade in den Sinn. Vielleicht war ich ja nicht die ganze Nacht ungeduldig, vielleicht waren es nur 5 Minuten. Diese Nächte werden bald wieder vergehen, hoffe ich, und dann kommen neue und wieder die Gelegenheit liebevoll und geduldig zu sein.

Vielleicht bin ich darin noch kein Profi und werde es wahrscheinlich auch nie werden. Aber wenn dann und wann dieses kleine Gefühl auch in tiefster Müdigkeit Liebe zu schenken – sei sie noch so unvollkommen und ein wenig ungeduldig – aufblitzt, kann ja nicht alles schlecht gewesen sein.


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