Manuela Fletschberger

Manuela Fletschberger "Mein Tagebuch"

lebensspuren unserer kinder - meinefamilie.at
17. Juli 2018

Lebensspuren unserer Kinder


Es ist 21:25 Uhr. Ich sitze alleine an unserem Familientisch. Meine Kinder schlafen. Mein Mann ist nicht zuhause. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen und stelle fest, dass ich mich über die Gegenstände, die für Unordnung sorgen, und die mir als erste ins Auge springen, innerlich ärgere. Und, dass dieser Ärger sich auf jene Menschen ausdehnt, die dafür verantwortlich sind. Meine Kinder. Aber wenn ich an meine einen Raum weiter selig schlafenden Kinder denke, dann wird mir mit einem Mal bewusst, dass ich diese Gefühle ihnen gegenüber eigentlich gar nicht haben will.

Und genau in diesem Moment legt sich mir ein Wort auf mein Herz: Lebensspuren.

Voller Lebensspuren

Unser Haus ist voller kindlicher Lebensspuren. Ach, was sage ich, diese Spuren findet man schon bevor man überhaupt unser Haus betritt. Im Garten. Dort liegt ein Fahrrad und hier ein Fußball, vor der Haustür liegen die vom Fußballspielen in der nassen Wiese gezeichneten Turnschuhe. Die Stufen zu unserer Wohnungstür herauf sprechen auch eine deutliche Sprache: Hier gehen nicht nur saubere Erwachsenenschuhe auf und ab, nein, hier sind etliche Kinder tagtäglich mehrere Male mit Kinderschuhen unterwegs, die vom Spielen im Freien nicht mehr so ganz sauber sind. Öffnet man die Wohnungstür, kann es durchaus vorkommen, dass der Anblick unseres Vorzimmers und der dort hinterlassenen Lebensspuren unserer Kinder bei so manchem Ordnungsliebhaber ein scharfes Lufteinziehen bewirkt.

Lebensspuren… dieses Wort gefällt mir. Ihm wohnt so etwas Positives, Schönes inne. Die Dinge, die die Kinder tagein, tagaus hinterlassen sind Zeichen ihrer Gegenwart, ihrer Lebendigkeit, ihrer Kreativität, ihrer Fantasie.

Nun gut. Ich sitze also am Küchentisch, umgeben von den Lebensspuren meiner vier Kinder. Am Tisch vor mir steht noch die Taufkerze meines jüngsten Kindes, das heute Namenstag hatte. Neben dem Tisch steht eine Schultasche, deren Besitzer sie wieder einmal nach dem Hausübung-Machen wegzuräumen „vergessen“ hat. Auf der Bank liegen ein Papierflieger, zwei Bücher und ein zerrissener Zettel. Die Dinge, die unter dem Tisch liegen aufzuzählen, spare ich mir, denn das würde den Rahmen sprengen. Auf der Küchenarbeitsfläche liegt ein Spielzeuganhänger, der von Papa mit Superkleber repariert werden soll und sonst noch allerhand Krimskrams.

In Bewegung

„Aber“, meldet sich da wieder der ordnungsliebende Teil in mir, „ich halte das Chaos nicht aus. Ordnung ist doch etwas viel Schöneres, Beruhigenderes, etwas, das Wohlbefinden schenkt.“ Doch voller Überzeugung legt mein Herz Veto ein: „Eine Familie ist nichts Steriles, nichts Statisches, nichts in Stein Gemeißeltes. Eine Familie ist voller Leben, voller Bewegung. Ja, eine Familie ist vor allem voller Dinge, die in Bewegung sind. Egal, ob es sich um materielle Dinge handelt oder um immaterielle.“ Wenn ich daran denke, wie viele Spielsachen oder sonstiges Zeug meine vier Kinder jeden Tag bewegen und von A nach B tragen. Unglaublich! Das wäre mal eine Statistik wert!

Aber zurück zu unserem Wort „Lebensspuren“. Mit diesem Wort, das mir vorhin gerade geschenkt wurde, wird mir nämlich mit einem Mal etwas bewusst. Heben Sie doch jetzt mal Ihren Blick (vorausgesetzt Sie lesen diesen Artikel zuhause…falls nicht, holen Sie diesen Blick später nach!) und stellen Sie sich gemeinsam mit mir vor, mit einem Fingerschnipsen könnten wir alle Unordnung stiftenden Gegenstände entfernen. Ja, dann wäre super aufgeräumt. Aber leider hat dieses Fingerschnipsen auch zur Folge, dass alle Lebensspuren der Kinder verschwinden würden. Also nicht nur die unliebsamen Dinge, sondern auch die Dinge, die wir lieben. Das Foto von unseren Kindern an der Wand. Die Kinderzeichnung an der Kühlschranktür. Und das, was am Dramatischsten wäre, die Betten unserer Kinder wären mit einem Mal leer. Denn: ohne Lebensspuren – keine Kinder!

Quintessenz

Kinder gibt es nur mit Lebensspuren. Und seien wir mal ehrlich: Viele davon lieben wir, weil sie uns an unsere Kinder erinnern und kleine Liebesboten sind. Vielleicht müssen wir als Mütter einfach lernen, die störenden, manchmal sogar nervenden kindlichen Lebensspuren mit einem gewissen Wohlwollen anzunehmen.

„Die Lebensspuren meiner Kinder sind Zeichen ihrer geliebten Gegenwart!“

Lebensspuren…ja, ich glaube, dieses Wort könnte mir in Zukunft helfen, meinen Blick auf das Chaos zu besänftigen und mir eine neue Ausrichtung und Einstellung geben – gegenüber den vielen tausend Dingen, die sich jetzt in diesem Moment nicht auf ihrem angestammten Platz befinden.

Ja, jedes Ding hat seinen Platz und sollte im Normalfall nach Verwendung wieder dorthin zurückwandern und zwar nicht nur ungefähr, sondern genau dorthin, und diese Regel sollen unsere Kinder lernen. Darauf werde ich meine Kinder morgen in Früh auch liebevoll aufmerksam machen. Aber – und das ist wohl der Schlüssel zu mehr Frieden im Herzen – die Spuren, die Kinder Tag um Tag hinterlassen, sind Zeichen ihrer Gegenwart und dafür sind wir, da bin ich mir hundertprozentig sicher, alle sehr dankbar!

Trainieren wir uns also diesen von Wohlwollen gesättigten Blick an, denn er hilft uns, nicht im Chaos unterzugehen, sondern einen gewissen Frieden im Herzen zu bewahren.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin “Sonne im Haus”, Ausgabe 02/18

 

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