Maria Lang

Maria Lang "Mein Tagebuch"

Kutschenfahrt - meinefamilie.at
20. November 2017

Bei der Kutschenfahrt Geschichte live erleben


Eine Bekannte von mir hat zwei Pferde, die sie zum Reiten und auch zum Kutschenfahren verwendet. Sie war so nett, uns, also drei Kinder und zwei Erwachsene, auf eine herbstliche Fahrt mitzunehmen. Die Kinder waren begeistert und sehr aufgeregt. Mit der Kutsche zu fahren ist heutzutage nichts Alltägliches! Und mit Pferden sind sie auch nicht unbedingt vertraut. Alles war sehr spannend.

Kindern von der Vergangenheit erzählen

Zuerst mussten wir mal die Pferde von der Koppel holen, sie putzen und aufzäumen. Allein das beanspruchte schon einiges an Zeit. Bis die Pferde fertig eingespannt waren, dauerte es eine Dreiviertelstunde. Dann konnte es losgehen. Ausgerüstet mit warmen Decken und etwas Proviant bestiegen wir die offene Kutsche. Die Pferde setzten sich im Schritttempo in Bewegung und wir genossen die langsam vorüberziehende Landschaft. Als sie dann etwas schneller wurden und flott dahintrabten, wurde uns ein wenig kalt und wir hüllten uns in die Decken. Dicht aneinandergekuschelt, hatten wir nun nichts anderes zu tun als zu schauen und zu plaudern.

Wir redeten über die Zeit, als es noch keine Autos gab und alle Leute mit Pferdefuhrwerken unterwegs waren. Alles ging viel langsamer damals.

Da fuhr man nicht schnell mal zum Supermarkt, um einen Liter Milch zu holen. Jede Fahrt bedeutete einen ziemlichen Aufwand und musste dementsprechend gut geplant sein. Das Leben spielte sich überhaupt in einem viel engeren Umkreis ab. Viele Dinge, die man zum Leben brauchte, hatte man zu Hause: Eier von den eigenen Hühnern, Gemüse vom eigenen Acker, Fleisch und Milch vom Nachbarhof. Ein- oder zweimal pro Woche wurde zum Markt gefahren und eingekauft. Diese Zeit nützte man auch, um soziale Kontakte zu pflegen. Die restliche Zeit verbrachte man mit der Familie. Ausflüge und Besuche wurden meist nur so weit unternommen, wie man an einem Tag mit den Pferden schaffen konnte. Ich muss unweigerlich an Erzählungen meiner Oma denken und an Astrid Lindgrens Michel Lönneberga. Sicher war nicht alles leicht damals, aber viel einfacher als heute.

Ein Ausflug in die gute alte Zeit

Ich genoss dieses langsamere Lebenstempo. Das rhythmische Dahintraben der Pferde übte eine beruhigende Wirkung auf mich aus. Eines der Kinder schlief dabei sogar ein. Die anderen beiden sahen das nicht ganz so. Ihnen wurde nach einer Weile fad. Also spielten wir “Ich seh und seh, was du nicht siehst”. Das spielen wir sonst im Auto auf langen Fahrten. Von der Kutsche aus war es noch angenehmer, denn da flitzten die Sachen nicht so schnell vorbei. Nach etwa einer Stunde kamen wir von unserer Ausfahrt zurück – etwas durchgefroren und müde, aber glücklich. Wir halfen noch mit, die Pferde zu versorgen und belohnten sie mit ein paar Stücken trockenem Brot, das wir mitgebracht hatten.

Nun waren die Pferde in Decken gehüllt, um sich nicht zu erkälten. Durch die Ausfahrt waren sie ganz schön ins Schwitzen gekommen… Zufrieden stiegen wir alle ins warme Auto, froh über diesen Komfort und doch um eine sehr wertvolle Erfahrung reicher: Wir hatten ein Stück Geschichte live erlebt – und genossen Gutes aus der alten und aus der heutigen Zeit.

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EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung sozial in Indien tätig. Nun unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


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