Maria Lang

Maria Lang "Mein Tagebuch"

kind wehren - meinefamilie.at
1. Mai 2019

„Kind, du darfst dich wehren!“


Vor kurzem hatte ich mit meinen Kindern ein interessantes Gespräch. Es ging darum, dass Kinder untereinander manchmal sehr ungut, ja sogar grausam sein können und wie man damit umgeht. Benni (14), der nach einigen Jahren Hausunterricht nun eine öffentliche Schule besucht, hat keine Probleme damit, sich zu behaupten. Er gab seiner jüngeren Schwester Sara (9) Tipps, was sie tun und sagen könnte, wenn jemand sie ungut anquatscht. Sie wird nächstes Jahr von der behüteten Homeschooling-Umgebung in ein öffentliches Gymnasium kommen.

Soweit ich es bisher mitbekommen habe, ist sie „nicht auf den Mund gefallen“. Sie ist sozial gut integriert und war schon allein auf Jungscharlager mit. Doch ein wenig Unterstützung kann nicht schaden, wenn man vor einer solchen Herausforderung wie Einschulung oder Schulwechsel steht. Deshalb machten wir uns darüber Gedanken.

Kann man Schlagfertigkeit lernen?

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Können und sollen Kinder lernen, sich zu behaupten und sich zu wehren? Auf jeden Fall! Ich persönlich halte nichts davon, sich allen als „Watschenbaum“ zur Verfügung zu stellen, wenn auch „nur“ verbal. Das hat auch nichts mit christlichem Glauben zu tun. Ein Mensch, der seinen eigenen Wert kennt, weiß, dass nicht jeder alles mit ihm machen darf. Deshalb ermutige ich meine Kinder darin, zwar freundlich zu sein, aber sich nicht immer alles gefallen zu lassen.

Es war mir von klein auf wichtig, dass sie

  1. ein gesundes Selbstwertgefühl haben
  2. sich gegen andere behaupten und verteidigen können, v.a. verbal
  3. wissen, dass sie im Ernstfall mit allem zu mir kommen können und ich mich für sie einsetze

Ich habe selbst als Kind Mobbing erlebt und kenne das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins nur zu gut. Leider hat mir damals niemand den Rücken gestärkt und ich litt alleine vor mich hin. So hinterließen diese Erfahrungen tiefe Spuren in meiner Seele. Später habe ich dann schrittweise gelernt, mich zu behaupten. Unter anderem hab ich einen Selbstverteidigungskurs besucht und es war für mich interessant, dass ein großer Teil des Programms nicht aus körperlicher Abwehr, sondern aus Stimmtraining bestand. Ich merkte, wie wertvoll und wichtig unsere Stimme ist, wenn es darum geht, Grenzen setzen und anderen zu zeigen, dass sie nicht alles mit einem machen können. Kombiniert mit der richtigen Körperhaltung zeigt das eine starke Wirkung.

Was kann man als Mama oder Papa tun, um ein Kind zu stärken?

  1. Zu Punkt eins gehört etwas sehr Wesentliches: wir müssen uns genug Zeit nehmen, unser Kind ernst nehmen und ihm immer wieder vermitteln, dass es wertvoll, wichtig und geliebt ist. Dann wird es ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. Mobber suchen sich meist instinktiv Kinder mit geringem Selbstwert. Je weniger sich ein Kind wehrt, desto stärker fühlen sie sich. Tritt ein Kind selbstsicher auf, ist das schon mal ein erster Schutz.
  2. Es ist wichtig, dass ein Kind gesund streiten lernt. Es nur zu behüten und immer zu verteidigen ist nicht gut für seine Entwicklung. Wir Eltern können vermitteln, dass es wertvoll ist, Rechte hat und dafür eintreten darf, aber auch dass andere Rechte haben und diese zu respektieren sind. Einerseits braucht es Bestätigung, sich wehren zu dürfen, aber auch ein gesundes Gefühl für Grenzen. Im Umgang mit anderen Kindern lernt es das auf natürliche Art. Wir Eltern haben die Aufgabe, darauf zu achten, dass alles halbwegs fair bleibt. Wut rauszulassen ist schon ok. Aber einander lautstark zu beschimpfen ist nicht ok.
5 Tipps sich zu verteidigen

kind wehren - meinefamilie.atFür den Fall, dass ein anderes Kind deutlich die Grenzen überschreitet, kann man dem Kind ein Abwehrschema beibringen.

  • sich verbal wehren „Hör damit auf, ich will das nicht“
  • Körpersprache: sich groß machen, abwehrbereit da stehen
  • Blickkontakt: das andere Kind eindringlich ansehen
  • Steigerung der verbalen Abwehr: „Wenn du nicht sofort aufhörst, sage ich es…dem Lehrer, den Eltern…
  • lacht der Mobber darüber, z.B. „He, du Baby, lauf zu deiner Mama“ einen Konter einüben: „Warte erst mal ab, bis du meine Mama kennenlernst. Dann vergeht dir das Lachen.“ oder so ähnlich.

Man kann diese Dinge als Rollenspiel proben, bis das Kind sich sicher fühlt, mit einer solchen Situation fertig zu werden. (Diese Herangehensweise können übrigens auch Erwachsene lernen. Mehr dazu demnächst in einem extra Blog.)

  1. Wir müssen nicht überall dabei sein als Eltern. Das können wir auch gar nicht. Aber es ist wichtig, eine Vertrauensbasis aufzubauen und zu erhalten, sodass Kinder auch mit schwierigen, unangenehmen Themen zu uns kommen und Hilfe suchen. Mobber drohen ihren Opfern manchmal mit verschiedenen Konsequenzen, wodurch diese in Schweigen verfallen. Ein gesundes Kind redet trotzdem über solche Dinge, denn es weiß, dass Mama oder Papa eingreifen, wenn ihm wirklich Unrecht angetan wird. Ich halte nichts davon, mich bei jeder Kleinigkeit einzumischen. Aber es gibt Dinge, die gehen zu weit. Wenn z.B. ein Kind täglich im Schulbus genervt wird, bis es nicht mehr Bus fahren möchte, muss man einschreiten. Man kann mit den Lehrern sprechen, mit dem Busfahrer. Man kann selbst mitfahren und sich die Sache ansehen bzw. mit den Beteiligten ein ernstes Wort reden. Sie müssen sehen, dass das Kind nicht wehrlos und allein ist, sondern Unterstützung bekommt. Dann ist der Spuk meist schnell vorbei.

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