Henny Lang

Henny Lang "Mein Tagebuch"

Kampf der Zahnfee - meinefamilie.at
2. August 2017

Kampf der Zahnfee


„Die Zahnfee, das sind doch die Erwachsenen, stimmt’s?“ fragte mich meine 6-Jährige neulich altklug.

Klar hat sie Recht. Klar bin ich die Zahnfee. Das ist wie mit dem Nikolo, wie mit dem Christkind, wer bringt die Packerl? Die Leckereien? Die Mama. Der Papa. Oma, Opa.

Was soll ich ihr sagen?

Zu meiner Zeit gab’s die Zahnfee noch nicht. Und das war ganz okay. Ich wusste nichts von ihr, also fehlte sie mir auch nicht. Und ich hätte das Zahnfee-Spiel auch niemals bei meinen Kindern angefangen, wäre diese Fee nicht plötzlich im Kindergarten reihum gegangen und hätte ohne mich vorzubereiten alle anderen zahnlückigen Kinder besucht. Frechheit!

Ich mag sie nicht, die Zahnfee. Und warum auch soll ich für jeden verlorenen Zahn etwas schenken?

Zähneverlieren passiert doch sowieso, da kann man nichts dafür oder dagegen tun. Das ist etwas Natürliches. Wieso sollte man das belohnen? Wir heben die Zähnchen auf, witzeln gemeinsam über die Lücken, durch die man nun herrlich pfeifen oder darin den Strohhalm fixieren kann. Das reicht doch, oder?

Reicht eben nicht. Das Belohnen für jeden verlorengegangen Zahn artet meiner Meinung nach aus. Da bekommen die Kids im Kindergarten sogar Geld geschenkt! Und nicht nur ein paar Cent, nein durchaus schon eine 2-Euromünze pro Zahnverlust! Wo führt das denn hin? Wie viele Milchzähne hat das Kindergebiss? Also! Das wird mir zu teuer. Ich streike.

Die Zahnfee soll zu anderen Kindern fliegen

Ich lasse die Zahnfee nicht mehr bei uns rein. Soll sie zu den anderen Kindern fliegen. Meine Tür bleibt zu.

Belohnung, pah! Wenn ich mich zurück erinnere, so hat das Zähneverlieren ja nicht mal wehgetan. Da war bloß vorm Einschlafen die Angst, dass ich ihn verschluck. Und das ist nie passiert. Richtig lustig war’s, das Gefühl, wenn man mit der Zungenspitze schon unter den Zahn fühlen konnte. Jedem zeigte ich meinen Wackelzahn. Ob der wollte oder nicht. Und dann hing er plötzlich nur mehr an einem Fädchen. Schwups, schon war er draußen. Schmerzen? Keine Spur.

Also nochmal: Warum die Belohnung? Warum Geld?

Und was kaufen sich die Kids von dem Geld? Richtig, Süßes. Und genau damit tut man sich und seinen neuen Beißerchen ja erst recht nichts Gutes.

„Richtig, die Zahnfee, das bin ich, mein Schatz.“

– Pause –

„Hab ich’s doch gewusst,“ meint sie nur. Aus der Feentraum, denke ich. Jetzt spiel ich ihr nichts mehr vor. Sie ist alt genug, sie ist selbst dahinter gekommen, warum also lügen?

Was soll ich sagen? Das befürchtete „Aber die anderen kriegen auch was“ blieb aus. Wir haben nun schon drei weitere verloren und in der kleinen Dose archiviert für ich-weiß-nicht-wann, und es gab kein Theater, keine Diskussion, kein Geplärr.

Ich hab ihr nur erklärt, dass es ein Spiel ist, das ich nicht mag, weil es mir zu teuer wird, dass jeder Zahn, den sie verliert, etwas ganz Besonderes ist und wir ihn aufheben. Und wenn sie weiter so viel Süßes nascht, werden ihr die neuen Zähne, die Erwachsenen-Zähne auch ausfallen, und das tut richtig weh und wird richtig teuer. Denn die muss man beim Zahnarzt nachkaufen.

Das hat sie verstanden und nur gemeint: „Schade, dass ich kein Haifisch bin. Wenn der einen Zahn verliert, wächst sofort ein neuer nach.“

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EIN ARTIKEL VON
  • Henny Lang

    Ich bin Mutter zweier Mädchen (3 und 5 Jahre alt), lebe in Wien und arbeite seit 2001 als freie Journalistin und TV-Redakteurin. Hobbymäßig bin ich Malerin, veranstalte Vernissagen zu meinen Bildern und Bastelnachmittage mit Kindern ganz privat bei mir zuhause.


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