Markus Stegmayr

Markus Stegmayr "Mein Tagebuch"

Homeschooling
23. November 2020

Homeschooling: Wie der Start für uns als Familie war


Es ist das eingetreten, was sich weder Schüler noch Eltern wünschten. Die Kinder sind, zumindest dem Wunsch nach, wieder zuhause und sollen von den Eltern daheim beschult werden. Während mancher von so manchen Höhenflügen des Sprösslings erzählt, erzählen andere von purem Chaos, riesigem Organisationsaufwand und überforderten Kindern. Überfordert sind die Kinder dabei oftmals nicht deshalb, weil zu viele Arbeitsaufträge zugeteilt werden, sondern weil ihnen das soziale Umfeld fehlt und die reine Fokussierung auf Aufgaben & Co. damit auf ein Umfeld ohne „Puffer“ fällt. Eltern sind dann dieser Puffer, dessen Funktion ansonsten Lehrer und Mitschüler übernommen hätten.

Das bekamen wir zu spüren.

Vor jeder Videokonferenz herrscht und herrscht nach wie vor Aufregung. Vor allem aus dem oben genannten Grund. Nicht der Lehrer ist dafür verantwortlich, ob etwas funktioniert oder nicht, sondern zu 100-Prozent der Elternteil, der vorsorglich neben dem Tablet oder dem Laptop des Homeschooling-Kindes sitzt. Die Nervosität steigt vor jeder Videokonferenz an, die dieses Mal im Gegensatz zum ersten Lockdown omnipräsent sind.

W-Lan und Organisation an ihren Grenzen

Das bringt nicht nur das hauseigene W-Lan an seine Grenzen, sondern auch das Organisationsgeschick der Eltern. Zeitgleich muss, je nach Alter, dabei geholfen werden Links anzuklicken oder zumindest ein letzter Blick darauf geworfen werden, ob alles reibungslos funktioniert, die Kamera auch wirklich eingeschaltet ist oder ähnliches. Währenddessen versucht man dann seine Arbeit zu erledigen, E-Mails zu schreiben oder gar kreative Arbeit zu verrichten. E-Mails beantworten sind dabei natürlich kein Problem, tatsächlich schöpferische Arbeit oder auch Arbeit, die hohe Konzentration benötigt schon sehr viel eher. Denn letztere wird immer wieder davon gestört, dass der Lehrer den Kindern sehr laut Arbeitsanleitungen via Zoom gibt.

Mittlerweile haben diese Abläufe zwar fast schon automatisiert, auf alle Fälle aber akzeptiert. Damit einher geht auch die Akzeptanz, dass die man nur eingeschränkt arbeiten kann. Die Arbeit wird immer wieder unterbrochen von technischen Fragestellungen, von neuen Videokonferenzen und von Fotos und Bildern, die man im Prozess des Homeschoolings einscannen muss. Dauernd wechselt man zwischen Plattformen, Online-Seiten und ähnlichem. Aber es funktioniert.

Der Weg zum „Funktionieren“

Der Weg dahin war nicht einfach. Vor allem unsere Große (12) tat sich schwer. Dabei kam ihr wohl ihr eigener Perfektionismus in die Quere. Übererfüllung ist ein Schlagwort, das sie zwar nicht selbst in einer Selbstreflexion anwendet, welches sie aber perfekt beschreibt. Diesen Perfektionismus mussten wir einbremsen und quasi kanalisieren. Denn Perfektionismus und de facto Chaos vertragen sich nicht so gut. Wenn die überhöhten Ansprüche an die eigene Leistung auf organisatorische Überkomplexität treffen, dann ist das zum Teil ein explosives Gemisch.

Verständlich als, dass vor allem meine Frau mit Coaching-Erfahrung mit Stift und Plakaten ausrücken musste und zu Beginn stundenlang Ordnung in die Unordnung bringen musste.

Es mussten Prioritäten gesetzt und Arbeitsaufträge unterschiedlich gewichtet werden. Zudem brauchte es Überzeugungsarbeit von beiden Elternteilen, damit diese Struktur auch akzeptiert und als hilfreich angesehen wird.

(Trotz allem) bröckelnde Struktur

Immer noch bröckelt diese Struktur-Idee von Zeit zu Zeit. Aber im Großen und Ganzen funktioniert sie und stellt eine echte Hilfe dar. Sie kanalisiert und hilft unserer Großen dabei, ihren Arbeitseifer in geregelte Bahnen zu lenken. So kann sie gezielt Zeit investieren, ohne sich zu verzetteln und sie damit letzten Endes zu vertrödeln und sich damit zu erschöpfen.

Soweit so gut also. Alles läuft. Aber mit der Zeit bröckeln etablierte Strukturen automatisch wieder. Weil die Frustration der Kinder steigt, dass sie ihre Freundinnen nicht sehen dürfen. Weil bis auf einen Spaziergang mit den Eltern am Nachmittag wenig Ablenkung da ist. Weil eben die ritualisierte Serie, die die Kinder gemeinsam täglich schauen kein Ersatz für Austausch zwischen Freunden ist. Weil da auch das Smartphone (bei der Großen) an Grenzen stößt.

Wie oft wir als Eltern dabei noch an unsere Grenzen stoßen werden ist schwer zu sagen. Es ist uns schon mehrmals passiert, mittlerweile gehen wir damit aber deutlich souveräner um.



EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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