Gottfried Hofmann-Wellenhof

Gottfried Hofmann-Wellenhof "Mein Tagebuch"

Geschwisterstreit - meinefamilie.at
24. August 2016

Geschwisterstreit: Der einzige grüne Strohhalm


Die Kinder stritten nach uralter Kinderweise: „Gib mir mein Auto!“ – „Papa, der Klemens hat mir meinen Ball genommen … mein Kübi … mein Schaufi!“

Uralt – zeitlos – nur die Gegenstände wechseln. Die Vöglein sangen, die Kindlein heulten. Nach dem bewährten Wegnehm-Spiel kam die nicht minder erfolgreiche Verleidetaktik an die Reihe: „Mein Steindi ist viel schöner als deines!“ In diesem Triumphruf des Größeren liegt die erbsündeüble Neidigkeit verborgen.

Der zeitlose Steindi-Streit

Unlängst erhielt dieser zeitlose „Steindi-Streit“ eine weitere Facette durch die wohl kalkulierte Parteinahme des Ältesten für die Kleinste: „Also mir gefällt das Steindi, das die Sophie gefunden hat, viel besser als das vom Jakob.“

Dominiks Einmischung brachte das erhoffte Resultat. Nun weinte nicht nur Sophie, sondern auch Jakob: „Du bist so gemein, das sag‘ ich aber jetzt dem Papa!“

Strohhalme für alle, bitte!

Schauplatzwechsel. Unlängst saßen wir zu zehnt guter Dinge in einem Gasthaus. Die Kinder waren friedlich, die Lage also entspannt. Bis Klemens plötzlich verschwand, um nach kurzer Zeit mit einem grünen Strohhalm wiederzukehren. Die Reaktion der kleinen Partie (Anna, Jakob, Sophie) war leicht vorhersehbar und irgendwie logisch: Auch sie wollten nun mit Strohhalmen trinken.

Die freundliche Kellnerin brachte ein Glas mit vielen bunten Strohhalmen: roten, gelben, blauen, weißen – ein weiterer grüner war jedoch nicht dabei. Es vergingen nur Sekundenbruchteile, da wanderten bereits drei Augenpaare neiderfüllt und sehnsuchtsvoll zum einzigen grünen Halm, an dem Klemens gelangweilt-lässig kaute.

„Wir wollen auch einen grünen, genauso einen, wie ihn der Klemens hat“, war der einmütige Tenor der drei zu kurz Gekommenen.

Da auch der Wirt nach penibelster Recherche keinen weiteren grünen Strohhalm aufzutreiben vermochte, spitzte sich die Lage insofern weiter zu, als Klemens seinen Triumph derart provokant zur Schau trug, dass Anna offensichtlich nicht anders konnte: Sie schnappte blitzschnell nach dem für einen kurzen Augenblick friedlich im Glas des Bruders ruhenden Halm und brachte ihn in ihrem eigenen unter. Klemens freilich war nicht bereit, seinen Halm kampflos abzugeben. Ein kurzes Handgemenge – zwei Gläser gingen zu Bruch. Vielstimmiges Geplärr, ein überstürzter Aufbruch.

Zurück blieb ein grüner Strohhalm.

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  • Gottfried Hofmann-Wellenhof

    Mit meiner Frau habe ich fünf Söhne, drei Töchter und einen Adoptivsohn aus Kamerun. Die Erfahrungen mit meiner Großfamilie teile ich in Kolumnen und Büchern. Meine Hobbys: Hometrainer, Fußballmatches meiner Söhne, Kochen und Lesen.


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