Vali Schwarzbauer

Vali Schwarzbauer "Mein Tagebuch"

Fußball-EM als Familie anschauen - meinefamilie.at
27. Juni 2016

Wenn Halbwüchsige die Fußball-EM verfolgen


Die Fußball-WM (oder EM, ich verwechsle das irgendwie immer) hat auch bei uns, seit der Startpfiff vor gut zwei Wochen ertönte, Einzug genommen und sorgt seither bestens für unser Abendprogramm. Dabei ist meine Position am (Zuschauer-) Feld stets die gleiche: Niemand kann so enthusiastisch und flink Brote schmieren, Chipspackerl öffnen und Saft ausschenken wie ich.

Wir haben auch schon alle Varianten der (Zuschauer-) Aufstellung erprobt:

  1. Schwarzbauerfamilie mit drei Nachbarskindern im Schlepptau. Zuschauervergnügen: eingeschränkt, da ich zu sehr mit Chips- und Kuchenbrösel-Aufheben beschäftigt war.
  2. Ich alleine vor dem Fernseher, da Kinder bereits schlafend im Bett und Ehemann auf einem Meeting. Zuschauervergnügen: bedingt, da kaum schön anzuschauende Spieler vorhanden.
  3. Schwarzbauerfamilie solo. Zuschauervergnügen: gering bis gar nicht, da die zu gewinnende Mannschaft völlig versagte.
  4. Ich alleine mit fünf Buben im Alter von vier bis acht Jahren. Zuschauervergnügen: schwer limitiert, da zunächst von Spielminute 15 bis 25 der Bildschirm aus unerklärlichen Gründen ausfiel und ich 10 Minuten lang fünf in Panik geratene Knaben notversorgen musste. Nachdem vier Fünftel der Buben in der Halbzeit sicherheitshalber ins Bett gesteckt wurden, blieb nur noch ein Feldspieler zurück, der es aber in sich hatte. Meine Vorstellungen von einem ruhigen Fußballabend wurden ohne Rücksicht auf Verluste zunichte gemacht.

Es ist unglaublich, was so ein Halbwüchsiger alles zu erzählen, erklären und kommentieren vermag, wenn es um Fußball geht.

Highlight Österreich-Spiele

Unabhängig von der Zuschaueraufstellung bleiben natürlich die Österreich-Spiele selbst jene Fußballerlebnisse, die man nicht missen möchte. Auch wenn diese dann desaströs enden mögen. Wir erinnern uns an das erste Spiel gegen Ungarn. Begonnen hat das ganze Debakel ja schon damit, dass David einen 55 Euro-Strafzettel aus dem Postkasten herausfischte. Die Tatsache, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich (schon wieder) zu schnell gefahren bin, machte die Sache auch nicht besser.

Also lautete die Taktik von da an Allround-Service für den lieben Gatten für die nächsten 90 Minuten, ohne Zwischenkommentare meinerseits. Dafür sorgten ohnedies unsere zwei Boys.

Entweder wurde uns ständig erklärt, wer David, oh Pardon, Däivid Alaba und Robert Almer sind (offensichtlich die einzigen zwei Spieler, die sie sich gemerkt haben) oder eine Frage folgte der nächsten: Ist der Grüne der Polen-Torwart? Wo ist der Ball hin? Wann ist wieder Werbung? Spielt Österreich jetzt gegen Polen? (Nein, immer noch Ungarn! Und das wird sich auch innerhalb der nächsten 70 Minuten nicht ändern!) Zwischendurch die große Entdeckung, dass der österreichische Torwart ja gar keine Haare mehr hat, worauf der Ratschlag des Bruders lautete: „Der sollte sich mal schminken!“ Immer wieder spannend, den Konversationen unserer Kindern zu lauschen.

Kleine Pseudofußballprofis

Während der Ehemann höchst konzentriert dem Spiel folgte, und dabei ungeahnte emotionale Tiefen zeigte, schwand das Durchhaltevermögen der zwei Pseudofußballprofis neben mir. Der eine verschwand mit einem emotionslosen „ich muss Gacki“ (Thanks for sharing!) auf der Toilette und der andere hatte unsere Nationalmannschaft wohl auch schon aufgegeben und begann den Jako-o-Geburtstagskatalog zu meditieren.

Nach 94 Minuten endlich der Schlusspfiff. Zuschauervergnügen: zwei todmüde und daher grantige Kinder, ein zur Sprachlosigkeit betrübter Mann und ein 2:0 gegen Österreich sprechen wohl für sich.

Haushoch verloren, neue Taktik

Nachdem wir dem ersten Spiel aktiv zuschauend beigewohnt hatten, und Österreich haushoch verlor, probierten wir beim zweiten Österreichspiel eine andere Taktik aus. Zugegeben nicht ganz freiwillig. Aus Liebe zu unseren Freunden verzichteten wir großherzig auf die Live-Sendung und schauten uns das Spiel (dank Aufnahmetaste) später zu Hause an. Mein Mann hielt brav durch und ließ keine Information über das Spiel an sein Ohr dringen.

Ich bin da nicht so ausdauernd und ließ mich heimlich von meiner Schwester via WhatsApp minütlich über den Spielstand informieren. Ich muss sagen, nicht minder spannend und aufregend als das Spiel live zu sehen.

Die Schwierigkeit bestand nur dann beim Nach-Anschauen mit meinem Mann darin, mir meinen Wissensstand nicht anmerken zu lassen und ebenso überrascht wie er „ahhhh“ und „ohhhh“ zu brüllen.

Das letzte Österreich-Gruppenspiel haben wir dann im Flugzeug über dem Antlantischen Ozean auf dem Weg zu einer Fortbildung verbracht. Während am 23. Juni in der Heimat die schwarze Fahne gehisst wurde, blieb man hierzulande Stars and Stripes treu. Football wird hier sowieso ganz anders gespielt.

Wir haben beschlossen, uns neu aufzustellen und die Seiten zu wechseln. Wir halten ab heute zu Deutschland. Mal sehen, ob diese Taktik aufgeht und wir endlich auch zum EM-Jubeln kommen.

Am Donnerstag von Vali Schwarzbauer: Taking off – Urlaub ohne Kinder

  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON
  • Vali Schwarzbauer

    Nachdem ich als Vierling aufgewachsen bin und unsere Söhne (3, 6) großziehen darf, kenne ich die Höhen und Tiefen einer Familie. Darüber zu schreiben, ist neben dem Homeschooling unserer Kinder eine willkommene Abwechslung. Was mich noch begeistert: Gott, mein Mann, Laufen, Erdnussbutter und ein gutes Buch.


    Zum Tagebuch des Autors

Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at