Henning Klingen

Henning Klingen "Mein Tagebuch"

karneval - meinefamilie.at
4. März 2019

Faschingszeit: Woran Kinder einen Narren fressen…


Ich bin Rheinländer im Wienerwald-Exil. Wenn die fünfte Jahreszeit anbricht, wird’s für meine Frau hart – meine Kinder lieben den rheinischen Frohsinn a la Niederösterreich inzwischen.

Ich bin, wie man in meiner Heimat, dem Niederrhein nördlich von Köln, sagt, ein „Karnevals-Jeck“. Karneval. Nicht Fasching. Seitdem ich in Österreich lebe, wird wir daher stets ein wenig das Herz schwer, wenn die fünfte Jahreszeit naht. Denn mein Herz schlägt weiterhin für diese wunderbare Mischung aus hemmungsloser Ausgelassenheit und Tradition. Dabei sind es nicht die großen Umzüge etwa in Köln oder Düsseldorf, die mich von Kindheit an geprägt haben, sondern die kleinen Umzüge auf dem Land, in den Dörfern. Karneval – das ist für mich der Geschmack von Heimat.

Seit ich mit meiner Familie nun im Wienerwald lebe, versuche ich, meinen Kindern diese fünfte Jahreszeit näher zu bringen. Mit einer Art von Hingabe, die meine Frau oft nur den Kopf schütteln lässt. Immer wieder zappe ich gemeinsam mit meinen Kindern zwischen „Altweiber“ (in Österreich: der „Unsinnige Donnerstag“) und Veilchendienstag in die Livestreams des WDR, die Faschingsumzüge aus allen möglichen und unmöglichen Ecken des Rheinlandes übertragen. Manchmal im Minutentakt tickern die Fotos von Freunden in What’s App-Gruppen herein.

Inzwischen haben meine Kinder den Fasching lieben gelernt. Sie singen Kölsche Karnevalslieder mit, schunkeln und tanzen wild auf „Kasalla“, „Wise Guys“ oder die „Bläck Föös“ – und auch im hiesigen Freundeskreis hat sich herumgesprochen, dass unsere jährlichen Faschings-, pardon: Karnevalspartys „was können“.

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Im vergangenen Jahr haben wir nun eine neue Tradition „begründet“ – ganz synkretistisch haben wir Elemente zusammengesammelt und zu einer neuen Tradition zusammengezimmert – im wahrsten Sinne des Wortes:

Wir haben nämlich – einer spontanen Albernheit folgend – unseren seit Ende Jänner in einer Ecke des Gartens lagernden, zugegeben inzwischen etwas ramponierten „Rest-Christbaum“ wieder auf die Terrasse geschleppt, in den Christbaumständer gestellt und mit Lufballons, Girlanden und Krapfen geschmückt. Et voila: der „Burgstaller Faschingsbaum“ war erfunden. Jetzt noch mit einer Bluetooth-Box die Terrasse mit „Viva Colonia“ beschallt, und schon stand einem verrückten Familientanz in Kostümen um den vormaligen Christbaum nichts mehr im Wege. Und bei der Textzeile „Pirate, wild und frei, dreimal Kölle, Ahoi!“ wurden die Krapfen gekapert…

Ich erzähle das, um Sie zu motivieren, selbst Traditionen zu „erfinden“. Denn lebendige Familientraditionen – so verrückt sie auch sein mögen – haben ihren großen Wert darin, dass sie Ihren Kindern im Gedächtnis bleiben werden, mehr noch: sie werden Ihre Kinder begleiten, wo immer es sie einmal hin verschlagen wird. Es sind diese Erinnerungen, die den Geschmack von Kindheit und Heimat, von heiler Welt, von gelungenem Leben ausmachen – von jeder Welt, nach der sich jeder irgendwann wieder sehnt.

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EIN ARTIKEL VON
  • Henning Klingen

    Semmeln heißen bei mir Brötchen, Erdäpfel Kartoffeln. Selbst nach 14 Jahren in Österreich halte ich die Fahne meiner niederrheinischen Heimat hoch. Von meiner Frau und meinen drei Kindern belächelt. Beruflich bin ich als Journalist für die Presseagentur Kathpress sowie die Zeitschrift „miteinander“ tätig.


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