Maria Neuberger-Schmidt

Maria Neuberger-Schmidt "Mein Tagebuch"

Scheidungskinder: Nähe und Vertrauen wieder aufbauen
30. Juli 2020

„Erziehung ist (k)ein Kinderspiel!“– Scheidungskinder: Nähe und Vertrauen wieder aufbauen


Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass jugendliche Töchter und Söhne die innige Vertrautheit zu den Eltern aufrecht erhalten, wie zumeist in den Jahren davor. Abgrenzung ist gefragt, abhängig von der Qualität der Beziehung und vom jeweiligen Temperament.

Probleme von Scheidungseltern

Besonders stark zu spüren bekommen diese Problematik Scheidungsmütter und –väter. Sie sehen ihre Kinder nur wenige Tage im Monat und vielleicht bei einem kurzen gemeinsamen Urlaub. Diese Zeit, auf die sie sich schon sehr gefreut hatten, kann oft anstrengend und enttäuschend sein. Die ungewohnte Nähe macht kleinere oder größere Entfremdungen deutlich.

So beobachtete ich zum Beispiel am Strand einen offensichtlich geschiedenen Vater mit seinen zwei Söhnen, der eine ca.10, der andere etwa 15 Jahre alt. Sie sprachen kaum miteinander. Der jüngere wurde innerhalb kurzer Zeit mehrmals eingeölt, der ältere hatte etwas zu kritisieren und wurde vom Vater schroff zurechtgewiesen. Der Sohn machte Anstalten, auf Konfrontation zu gehen, ließ es aber mit einer resignativen Handbewegung bleiben, als wollte er sagen: „Es hat ja doch keinen Sinn!“ Es folgte betretenes Schweigen bei allen dreien – beim jüngeren, weil er nicht wusste, wie er mit so viel Zuwendung umgehen sollte, beim älteren in einer Mischung aus Resignation und Feindseligkeit. Beim Vater spürte ich Hilflosigkeit und unterdrückte Aggression.

Die Liebesfalle: übertriebene Fürsorge und Verwöhnung

Zwei typische Haltungen von „Scheidungseltern“ wurden hier erkennbar: zum einen das Bemühen, Zuneigung und Nähe durch übertriebene Fürsorge oder Verwöhnen zu „erkaufen“, zum anderen die Unfähigkeit, mit Ablehnung umzugehen. Natürlich haben andere Eltern solche Schwierigkeiten auch, aber durch die tägliche Vertrautheit weiß man besser, sich aufeinander einzustellen.

Authentische Beziehung statt Erziehung im „Schnellsiedeverfahren“

Mein Tipp: Im Urlaub lockerer und großzügiger zu sein als sonst kann nicht schaden, aber hüten Sie sich davor, das Gefühl zu vermitteln, als ob Sie Zuneigung erkaufen wollten. Versuchen Sie im Urlaub auch nicht, im „Schnellsiedeverfahren“ krampfhaft Erziehungsarbeit nachzuholen, zu der Sie das ganze Jahr wenig Gelegenheit hatten. Geduld und Einfühlungsvermögen sind gefragt.

Mut und Taktgefühl: Sprechen Sie atmosphärische Störungen an

Wenn der Konflikt im Schweigen erstickt und nicht aufgearbeitet wird, steigt der Grad der Entfremdung. Schweigen kann vorübergehend helfen, einen Konflikt zu entschärfen und eine Nachdenkpause zu ermöglichen. Eltern sollten aber unbedingt eine passende Gelegenheit suchen, um am Problem anzuknüpfen, z.B.: „Ich hatte den Eindruck, dass du mir vorhin noch etwas sagen wolltest…“ Jetzt kommt wahrscheinlich ein Vorwurf, etwa: „Das ganze Jahr über hast du dich kaum um mich gekümmert und jetzt willst du mir vorschreiben, wofür ich (z.B.) mein Taschengeld ausgeben darf!“

Bitte aushalten: Lassen Sie Kinder ihren Frust „ausspucken“

Egal, ob Sie sich diesen Vorwurf verdient haben oder nicht, reagieren Sie nicht aus Ihrer Kränkung heraus, mit Abwehr („Das stimmt doch gar nicht!“), Rechtfertigung („Mein Beruf ließ mir einfach nicht mehr Zeit“) oder Gegenangriff („Du hättest ja auch einmal anrufen können!“).

Wichtig ist, dass sich Ihr Kind von Ihnen verstanden fühlt. Setzen Sie auf aktives Zuhören!: „Du hast also das Gefühl, dass ich mich zu wenig um dich gekümmert habe…“

Ermöglichen Sie ihm „Dampf abzulassen“, womöglich den ganzen Druck, der sich seit langem angestaut hat. Wenn Sie das aushalten, werden Sie eine Trendwende einleiten, denn jetzt erst ist Ihr Sohn oder Ihre Tochter in der Lage auch Ihnen zuzuhören. Senden Sie eine Ich-Botschaft: Schildern Sie Ihre eigene Sach- und Gefühlslage, z.B. „Ich bin ganz schön betroffen, das von dir zu hören, aber ich bin froh, dass du so offen zu mir warst (Offenheit würdigen). Dann erst gehen Sie zu Erklärungen über, z.B. Weißt du, ich habe die Situation so erlebt…“ Auf diese Weise ermöglichen Sie Ihrem Kind, seinerseits Verständnis für Ihre Lage zu entwickeln. Danach suchen Sie gemeinsam nach Lösungen für das konkrete Problem. Sagen Sie ruhig einmal „nein“ und stehen Sie zu Ihren Ansichten, aber zwingen Sie nichts auf.

Vorwürfe ernst nehmen und Vertrauen festigen

Wenn Ihr Kind Ihnen nichts mehr zu sagen hat, ist kompetentes Reagieren auf Kritik und Provokation die beste Möglichkeit, Nähe und Vertrauen wieder herzustellen. Betrachten Sie Vorwürfe wie kostbare Perlen: eine wertvolle Gelegenheit, Ihrem Kind zu ermöglichen, sich aufgestauten Frust von der Seele zu reden und ihm zu zeigen, dass sie es ernst nehmen und sich bemühen, es zu verstehen und anzunehmen, wie es ist. Einfühlsames Zuhören nützt mehr als fromme Belehrungen und kann die Nähe wieder herstellen, nach der Sie sich schon lange gesehnt hatten.


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