Maria Neuberger-Schmidt

Maria Neuberger-Schmidt "Mein Tagebuch"

4. August 2020

Erziehung ist (k)ein Kinderspiel – Eine unbedachte Äußerung


Unglaublich, was unbedachte Äußerungen anrichten können

Helmut, knapp 13, hatte früher von der Schule aus und möchte seiner Mutter eine Freude machen. Er räumt das Wohnzimmer auf, putzt Küche und Badezimmer. Den ganzen Nachmittag hat er gearbeitet, sich beeilt, auf das Fernsehprogramm verzichtet. Als die Mutter nach Hause kommt, führt er sie freudestrahlend durch die Wohnung. Sie prüft alles schweigend, mit kritischem Blick. Als sie zum Geschirrspüler kommen, meint sie „Der ist aber nicht ausgeräumt!“

Für Helmut war dieser Satz wie ein Schlag ins Gesicht. Schweigend verzog er sich ins Kinderzimmer. Die Mutter ging zur Tagesordnung über, ohne zu merken, was sie angerichtet hatte.

Es ist unglaublich, was unbedachte Äußerungen anrichten können. Im Fall von Helmut war es ein Motivationskiller, so als hätte man ihm gesagt: „Egal wie sehr du dich anstrengst, es ist nie gut genug!“

Unbedachte Äußerungen und ihre Folgen

Helmut ist inzwischen 34 Jahre alt. Trotz hoher Intelligenz hat er mehrmals Schule abgebrochen. Was er im Leben erreicht hat, liegt weit unter seinen Möglichkeiten. Diese Kindheitserinnerung ist ihm im Gedächtnis geblieben, als ob es gestern gewesen wäre. Mit seiner Mutter hat er nie darüber gesprochen.

Helmut ist belesen, kultiviert und übt sich gerne in Selbstdarstellung. Er versteht es ausgezeichnet, zu analysieren, warum etwas nicht geklappt hat. Doch wenn Hindernisse im Weg stehen gibt er schnell auf und wenn der Erfolg nicht sicher ist, lässt er es lieber bleiben. Dadurch verpasst er so manche gute Chance. Es entsteht ein Kreislauf, der ihn in die Depression treiben kann.

Helmut besucht seine Mutter regelmäßig. Er ist zu ihrem „Beichtvater“ geworden. Von seinen existenziellen Nöten (Jobverlust, Delogierung) erfährt sie allerdings nichts. Sie würde ihm ja doch nur Vorhaltungen machen oder kluge Ratschläge geben.

Wie können wir „blinde Flecken“ rechtzeitig aufspüren?

Ich kenne Helmuts Mutter. Das Wohl ihres Sohnes war ihr immer sehr wichtig. Er war ein braves und unauffälliges Kind, dem vieles geboten wurde. Doch offenbar hatte sie es verabsäumt, seine Gefühle wahrzunehmen, ihn darüber reden und vielleicht auch einmal „frech“ werden zu lassen.

Manchmal sind Erwachsene so sehr mit sich selbst beschäftigt und es reicht ihnen, wenn Kinder „funktionieren“. Um unsere eigenen blinden Flecken zu entdecken, ist der offene Austausch mit anderen Eltern oder von Zeit zu Zeit auch mit einem professionellen Coach eine wertvolle Unterstützung. Nur wenn Kinder sich mit all ihren Emotionen und auch mit Kritik an uns wenden können, erfahren wir, was sie ansonsten in sich hineinfressen und können verhindern, dass sie Bewältigungs- und Abwehrmechanismen entwickeln, die sie daran hindern, sich offen, mutig und selbstbewusst den Herausforderungen ihres Lebens zu stellen.



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