Gottfried Hofmann-Wellenhof

Gottfried Hofmann-Wellenhof "Mein Tagebuch"

Ein Brief an meinen Enkel - meinefamilie.at
3. Juni 2017

Ein Brief an meinen Enkel


Lieber Daniel!

Ich schreibe dir diesen Brief, obwohl du noch gar nicht lesen kannst. Aber wenn du größer bist, werde ich ihn dir zeigen. Ich habe ihn in eine Mappe mit deinem Namen gelegt und will darin alles sammeln, was mit dir zu tun hat. Denn es ist nun einmal so:

An die unbeschwertesten und glücklichsten Stunden, die du als kleiner Prinz mit deinen Eltern geteilt hast, wirst du später leider keine Erinnerung mehr haben.

Wie oft hast du vor Freude gejauchzt, wenn dich dein Vater in die Luft geworfen und wieder aufgefangen hat! Nur so viel ist gewiss: Nie wieder wird dein Leben so leicht und frei von Angst und Versagen sein wie in jenen zehn Monaten, die hinter dir liegen.

Du hast das Meer gesehen

Im abgelaufenen Jahr hat sich in unserer Familie viel getan. Jakob, dein jüngster Onkel, hat maturiert, und deine Tante Anna ist von ihrem Au Pair-Jahr in Rom wieder daheim. Und dein Onkel Donatien hat neben seinem Beruf mit dem Abendkolleg für Automatisierungstechnik auf der Bulme begonnen.

Aber das wichtigste Ereignis war deine Geburt im Februar. Du bist noch nicht einmal ein Jahr alt, aber hast dennoch schon so viel erlebt. Mit dem Flugzeug bist du geflogen, weil du auf Besuch bei deinen Großeltern und deinen Tanten in Spanien warst. Du hast das Meer gesehen und den Wind gespürt und das Rauschen der Wellen gehört.

Du bist vor deinem ersten Christbaum gestanden, schwankend und staunend; alle Augen waren auf dich gerichtet, wie du auf die Funken der Wunderkerze starrtest, auf dem starken Arm deines Vaters, der dich zu ihnen hinaufhob.

Grenzenloses Vertrauen, dass alles gut ist

Noch hast du nichts von den Schrecknissen dieser Welt erfahren, von Krieg und Elend, von Währungskrisen und Naturkatastrophen. Nur Liebe, Fürsorge, Freude und grenzenloses Vertrauen, dass alles gut ist und bleibt.

In ein paar Wochen wirst du, lieber Daniel, zum ersten Mal ein paar Schritte tun, ganz allein, ohne hilfreiche Elternhand, und fortan so die Welt erkunden, von der niemand sagen kann, wie sie im nächsten Jahr aussehen wird.

Dass du sie lustvoll und voller Tatendrang erobern mögest und dass deine Tage weiterhin so hell und schön und unbeschwert sein mögen, wünscht dir

dein Opapa

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EIN ARTIKEL VON
  • Gottfried Hofmann-Wellenhof

    Mit meiner Frau habe ich fünf Söhne, drei Töchter und einen Adoptivsohn aus Kamerun. Die Erfahrungen mit meiner Großfamilie teile ich in Kolumnen und Büchern. Meine Hobbys: Hometrainer, Fußballmatches meiner Söhne, Kochen und Lesen.


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