Vali Schwarzbauer

Vali Schwarzbauer "Mein Tagebuch"

Süßigkeiten fremder Leute - meinefamilie.at
23. Dezember 2015

Die zuckersüße Fürsorge der anderen


Kekse und Süßigkeiten gibt es in der Adventzeit bei uns (mit ein paar Ausnahmen) erst ab dem 24. Dezember. Warum? Das ist leicht erklärt: Einerseits sind diese 24 Tage bis das Christkind kommt ja eigentlich eine Fastenzeit, genauso wie die 40 Tage vor Ostern. Und andererseits vergrößert dieser Verzicht ungemein die Vorfreude auf Weihnachten. Daher jubeln wir am 24. Dezember tatsächlich noch auf, wenn wir die schwarzen, weißen, rosafarbenen Zuckerbomben in Händen halten.

Das Süßigkeiten-Geben-Hobby wildfremder Leute

Aber um Kekse oder Nicht-Kekse im Advent geht es mir jetzt eigentlich gar nicht. Vielmehr muss ich mein Herz über ein Phänomen ausschütten, das ich einfach nicht zu verstehen fähig bin. Es geht um die Fürsorge wildfremder Leute um unsere Kinder.

Genauer: um ein Antwortfinden, warum sich stets fremde Personen dazu berufen fühlen, unsere Kinder mit Süßigkeiten vollzustopfen.

Ich versuch das mal anhand eines Geschehnisses genauer zu erklären: Sonntag, ca. 9:35 Uhr, für unsere Verhältnisse eigentlich sehr pünktlich, trudeln wir möglichst unauffällig in die Kirche zur Hl. Messe ein. Bepackt mit der halben Bücherecke quetscht sich unser 4-Jähriger in die erste Reihe, und die allsonntägliche Dompteurübung kann beginnen. Denn auch diesen Sonntag liefert er uns das volle Programm: Turnen auf den Kirchenbänken, Tobsuchtsanfälle, freche Ansagen, Kerzenspielerein, wilde und viel zu laute Diskussion mit seinem Bruder – ich glaub, man kann sich ein Bild machen, wie andächtig wir den 4. Adventssonntag mitfeiern können.

Immer wieder schaut eine der älteren Damen aus den vorderen Reihen zu uns herüber, wobei ich ihren Blick nicht so ganz zu deuten verstehe. Da mich jedoch unser Bürschchen zu sehr auf Trab hält, bleibt keine Zeit für tiefgehende Interpretationsversuche.

Nach der Messe sehe ich sie sofort auf uns zustürmen. Ich bin auf alles gefasst, nur nicht auf das: Mit zuckersüßer Stimme gratuliert sie unserem Raudi, dass er die Messe so gut mitgefeiert habe und dann, als ob das nicht genug wäre, beschert sie ihm auch noch eine Schaumrolle, die sie soeben und blitzschnell beim nahegelegenen Adventmarkt besorgt hat.

Hallo?!?!

Mein Sohnemann hat sich keine Schaumrolle verdient!

Also erstens, ist höchstens mir zu gratulieren, weil ICH diese Messe überstanden habe, zweitens hat sich unser Sohnemann alles andere als eine Schaumrolle verdient, drittens fragt man doch wenigstens erst einmal bei den Eltern nach, ob man dem Kind etwas schenken darf und viertens ist Adventzeit und wir verzichten doch gerade höchst motiviert auf Süßigkeiten. Aber es kommt noch unglaublicher: Sie kauft auch unserem älteren Sohn eine Schaumrolle, weil der Kleine seine nicht teilen will. Mit einem patzigen und höchst ironisch gemeinten „Danke“ in Richtung der edlen Spenderin wende ich mich hilfesuchend meinem Mann zu, der doch hier bitte wieder für Ordnung und zuckerlose Zustände sorgen möge. Doch als ich mich umdrehe, sehe ich, wie mein Mann gerade dabei ist, eine der größten Schaumrollen zu bezahlen, um sie dann genüsslich zu vertilgen. Das darf doch nicht wahr sein! Meinem bitterbösen, entrüsteten Blick entgegnet er mit einem entschuldigenden Schulterzucken.

Tja, was soll ich sagen? Der Vormittag endet schließlich damit, dass auch ich mir eine Schaumrolle kaufe, und sie ohne Rücksicht auf Verluste in mich hineinstopfe; allen Fastenvorsätzen (es ist ohnehin Sonntag…) zum Trotz.

Okay, ich muss zugeben, die Geschichte stammt nicht ganz von mir, sondern von meiner Schwester, die gerade mit ihrer Familie in Amerika lebt. Aber da sie eine meiner Vierlingsschwestern ist, und wir uns in allem erschreckend ähneln, hätte dies jetzt auch genauso gut meine Geschichte sein können. Man muss nur kindertechnisch unser bübisches Zweiergespann gegen ihre Sohn- und Tochterkonstellation austauschen, und statt Schaumrollen Donuts einsetzen. Aber der Rest hätte zweifellos auch mir passieren können.

Nett gemeint, aber falsche Wirkung

Wie oft hat jemand unseren Buben in der U-Bahn schon ein Zuckerl, einen Schlecker oder Schokolade hingehalten? Zur Besänftigung, zur Ablenkung, zur eigentlich nett gemeinten Kontaktaufnahme, was auch immer, aber es war selten zu meiner Freude. Da sieht man, wie sich eine Mutter mit ihren Kindern abstrampelt, weil diese durchzudrehen beginnen, und dann steckt man den Kindern noch etwas Süßes zu, damit sie sich in ihrem Benehmen bestätigt fühlen und durch den zusätzlichen Zucker noch aufgedrehter werden?

Vielleicht sollte ich das auch einmal ausprobieren. Bei fremden Kindern wohlbemerkt. Das Kind ist beruhigt und happy, man bekommt ein Augenleuchten geschenkt und man hat das Gefühl, aktiv und mit Effekt geholfen zu haben. Mission accpmplished also. Pädagogisch wertvoller Nutzen und gesundheitliches Wohlbefinden? – Darum sollen sich bitte die eigenen Eltern kümmern.

Passend dazu: Wie war das nochmal mit der Besinnlichkeit in der Adventzeit?

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EIN ARTIKEL VON
  • Vali Schwarzbauer

    Nachdem ich als Vierling aufgewachsen bin und unsere Söhne (3, 6) großziehen darf, kenne ich die Höhen und Tiefen einer Familie. Darüber zu schreiben, ist neben dem Homeschooling unserer Kinder eine willkommene Abwechslung. Was mich noch begeistert: Gott, mein Mann, Laufen, Erdnussbutter und ein gutes Buch.


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