Henny Lang

Henny Lang "Mein Tagebuch"

Die Sache mit den Selbstzweifeln - meinefamilie.at
12. Mai 2017

Die Sache mit den Selbstzweifeln


Letztens hatte meine Mutter Tränen in den Augen. Warum? Ich habe sie gefragt, ob Papa wohl stolz wär auf mich, wenn er jetzt noch bei uns wäre. „Natürlich wär er das, Schatz“, meinte sie mit unterdrückter Stimme und umarmte mich.

Mein Vater hat meine zweite Tochter nicht mehr kennengelernt, die erste nur als Baby im Arm halten dürfen. Was würde er sagen, wenn er sieht, wie ähnlich mir die Große jetzt sieht? Was würde er ihr für den Schulanfang im Herbst schenken? Wie sehr würde er sich über das kleine Plappermäulchen freuen, das mit seinen 3 Jahren bereits fehlerfrei den eigenen Namen schreiben und ein bisschen addieren kann?

Auf die Kinder wäre mein Papa stolz. Und auf mich?

Ich bin bei weitem nicht zufrieden mit mir selbst

Wenn die Kinder schlafen, gehe ich oft auf im Dunkeln auf die Terrasse raus und schaue in den Himmel. Ich bin glücklich, dass es meiner Familie gut geht. Ich bin zufrieden, dass wir ein schönes Zuhause haben. Ich bin dankbar für alles, was ich bisher erreicht und mir aufgebaut habe. Aber ich bin auch todmüde und erschöpft. Jeden Abend. Und ich bin bei weitem nicht zufrieden mit mir selbst.

Was würde mein Vater von mir halten, wenn er wüsste, dass ich manchmal bei den Wutanfällen meiner Kinder mitausraste und plötzlich in Tonlagen schreie, die ich von mir gar nicht kannte?

Und was würde er von mir halten, wenn er wüsste, dass ich meinen Beruf aufgrund der Kinder so gut wie auf Eis gelegt habe? Auf Eis legen musste. Hie und da ein paar Projekte, Homeoffice geht nur bedingt. Nacht- und Wochenenddienste kann ich nicht annehmen, spontane Auslandsreisen für den Job sind nicht mehr drin. Die Kindergarten– und bald schon die Schulzeiten lassen keine Flexibilität mehr zu.

Ich höre meinen Vater: „Wofür hast du denn so gut studiert? Du warst schon so weit oben im Beruf. Und jetzt nur mehr Mutter? Ist es das, was du willst? Versäumst du nicht dein Leben?“

Habe ich meine Kinder zu spät bekommen?

Zuerst Karriere machen, sich einen finanziellen Polster schaffen, viel reisen und die Partnerschaft festigen, bevor man die Kinder bekommt. Das war der Plan. Er ging nur zum Teil auf.

Ältere Mütter sind nicht automatisch gelassener als jüngere – und weiser schon gar nicht. Und jüngere Mütter sind auch nicht automatisch sportlicher und aktiver als ich.

Selbstzweifel plagen uns wohl alle, damit will ich mich trösten.

Jeder kennt sie, die verpassten Chancen beruflich wie privat. Doch wo wäre ich jetzt ohne meine Kinder? Und wie wäre ich?

Nein, es ist schon gut, so wie es ist. Muttersein ist hart, es ist Berufung und Beruf.

Muttersein ist Berufung und Beruf

Kein Wunder, dass man abends total erschlagen ins Bett fällt. Andere legen um 18.00 Uhr die Arbeit nieder, bei mir gibt’s sogar noch nachts Spontaneinsätze.

Muttersein, das hat was mit Liebe zum „Job“ zu tun.

Das lässt sich nicht so leicht mit anderen Jobs verbinden. Und ich muss mir immer sagen, ich habe nichts aufgegeben für die Kinder, nichts eingetauscht dafür. Ich habe einfach mehrere Lebensabschnitte. Abschnitt Nummer eins war Kindsein und Schule, Nummer zwei war Studium und Partyzeit, Abschnitt Nummer drei war Karriere und Partnerschaft. Jetzt bin ich bei Abschnitt Nummer vier.

Ich möchte meinem Vater heute sagen: „Papa, ich liebe dich, dafür, dass du mich in all der Zeit, die du hier auf Erden warst, unterstützt und geformt hast. Ich habe für jeden meiner Lebensabschnitte die richtigen Werkzeuge mitbekommen. Jetzt geht die Reise zwar ohne dich weiter, aber dich und deine Werkzeuge trag ich immer bei mir.

Viele Leben zu haben, heißt sich weiter zu entwickeln. Wer in einem Leben hängen bleibt, der steht still und kennt keine Abenteuer. Und du hast dir doch immer ein erfülltes Leben für mich gewünscht. Sei dir sicher, es ist reich an Abenteuern, und ich bin gewappnet für alle weiteren Leben, die noch kommen mögen.“

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EIN ARTIKEL VON
  • Henny Lang

    Ich bin Mutter zweier Mädchen (5 und 7 Jahre alt), lebe in Wien und arbeite seit 2001 als freie Journalistin und TV-Redakteurin. Hobbymäßig bin ich Malerin, veranstalte Vernissagen zu meinen Bildern und Bastelnachmittage mit Kindern ganz privat bei mir zuhause.


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1 Kommentare
  • Maria L, 13. Mai 2017, 20:44 Antworten

    Danke, Henny, für diese sehr persönlichen und ansprechenden Zeilen.

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