Gottfried Hofmann-Wellenhof

Gottfried Hofmann-Wellenhof "Mein Tagebuch"

Der Kampf mit dem Drachen - meinefamilie.at
18. August 2016

Der Kampf mit dem Drachen


Immer, wenn wir in Italien sind, dürfen sich meine Kinder eine Kleinigkeit zum Spielen kaufen. Lange Zeit war ein Polizei-Set sehr beliebt. Es bestand aus einer Pistole, einer Trillerpfeife und ein Paar Handschellen. Kein Sommer verging, ohne dass ich nicht den Kauf zumindest einer Angel finanziert hätte.

Ein Drache am Strand

Heuer wollte meine kleinste Tochter einen Drachen haben. Sie suchte sich einen blauen aus mit weißen Punkten und roten Bändern. Er war nicht sehr groß und hing an einer 30 Meter langen Schnur. Die Windverhältnisse waren günstig, also liefen wir gleich damit an den Strand. Dort saß in einem Liegestuhl ein älterer Mann. In der einen Hand hielt er ein Buch, in der anderen ein dünnes Plastikseil, an dessen Ende sich ein Drache befand. Er flog nicht, er stand in der Luft. Majestätisch ruhig. Senkrecht über seinem Besitzer. Neben dem Mann lag lässig ein kleiner Bub und schaute in den Himmel. Auch er ließ seinen Drachen steigen, dann pfeilgerade abstürzen, drehte ganz knapp über dem Boden einen Looping und zog ihn in langen Schleifen über die Sonnenschirme hinweg. Holte ihn wieder ganz nahe zu sich heran, ließ ihn wieder steigen. Ein faszinierendes Schauspiel.

Neuer Drache, neuer Versuch

Sophie und ich waren sehr aufgeregt, als wir unseren Drachen aus der Verpackung wickelten. Die Bänder flatterten lustig im Wind. Ein paar Schritte lief ich, dann ließ ich ihn los. Rasend schnell rollte sich die Schnur von der Kurbel. Der Drache stieg kerzengerade in die Höhe, um Sekunden später – in ungewolltem Sinkflug – in die Tiefe zu stürzen. Er landete auf einer Betonplatte, der Holzrahmen war augenblicklich abgeknickt. Meine kleine Tochter und ich waren uns sofort einig, dass unser Drache für die Windverhältnisse doch zu filigran gewesen war.

Also kaufte ich den größten Drachen, der im Strandgeschäft zu bekommen war.

Er hatte vier Schnüre, die 80 Meter lang waren, und man benötigte beide Hände.

Verheddern ist langweilig

Schon beim Auspacken verhedderten sich die Schnüre schlimm. Für das Entwirren brauchte ich so lange, dass sich Sophie zu langweilen begann. Ich schickte sie zum Eisgeschäft. Währenddessen arbeitete ich fieberhaft an der Entflechtung des Knotens. Zu gerne hätte ich einen Probeflug versucht, doch es kam nicht dazu. Sophie war wieder zurück und hatte inzwischen das Interesse an ihrem Drachen gänzlich verloren.

Sie ging zurück zum Zelt, drehte sich noch einmal um. Sah noch einmal in den Himmel zu den beiden Drachen hinauf und dann hinunter auf den Boden: Dort hockte ihr Vater und kämpfte unverdrossen gegen einen Knoten. Im Sand lag ein großer Drache.

Nächste Woche von Gottfried Hofmann-Wellenhof: „Ein grüner Strohhalm“

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EIN ARTIKEL VON
  • Gottfried Hofmann-Wellenhof

    Mit meiner Frau habe ich fünf Söhne, drei Töchter und einen Adoptivsohn aus Kamerun. Die Erfahrungen mit meiner Großfamilie teile ich in Kolumnen und Büchern. Meine Hobbys: Hometrainer, Fußballmatches meiner Söhne, Kochen und Lesen.


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