Julia Pass

Julia Pass "Mein Tagebuch"

Der Ganz Normale Wahnsinn - meinefamilie.at
4. Mai 2019

Der ganz normale Wahnsinn


„Wie geht es dir?“, wurde ich unlängst auf einer Familienfeier gefragt. „Gut“, antwortete ich, während ich Babykotze von meiner Schulter wischte, „Und sonst…“ Ich hielt kurz inne. „Und sonst einfach der ganz normale Wahnsinn“, ergänzte mein Gegenüber, das selbst Mutter zweier Kinder ist. Und damit hat sie‘s ziemlich genau auf den Punkt gebracht. Meine beiden Kinder, bald ein und drei Jahre alt, gehören zwar meist zur umgänglichen Sorte, und doch ist ein gewisses Quantum an Wahnsinn zur Normalität geworden.

Der Essenswahnsinn

Es gibt gewisse Alltagstätigkeiten, die ich manchmal gerne mitzählen würde. Nur um mich anschließend ein wenig selbst zu bemitleiden. Eine davon: Wie oft springe ich während einer Mahlzeit, die ich mit meinen Kindern zu mir nehme, auf? Statt Löffel bitte doch lieber die Gabel holen, bitte noch einen Tee, hoppla, Tee auf dem Leiberl, bitte ein neues Leiberl, Minikind wirft Flasche zu Boden, Flasche aufheben, großes Kind in neuem Leiberl möchte jetzt sofort ein feuchtes Tuch für die klebrigen Hände haben, Minikind braucht Breinachschub, großes Kind muss aufs Klo, Minikinds Hände untersuchen den Brei, „Mama, fertig!!!!“, die Hände des Großen waschen, die Oktopushände des Minikindes abwischen. Nach Beendigung der sportlichen Mahlzeit schaue ich unter den Tisch und einen Quadratmeter weiter. Die Bezeichnung Bei uns kann man vom Boden essen erfreut sich bei uns einer völlig neuen Bedeutung.

Der „Wir wollen nur mal kurz raus“-Wahnsinn

Der Ganz Normale Wahnsinn - meinefamilie.at
(c) iStock

Zuerst packe ich meinen riesigen roten Rucksack voll, der zirka die Hälfte meiner Körpergröße ausmacht. Reservegewand Mini, Reservegewand Großer, Windeln, Wasserflaschen, Banane, Pullover – falls es doch kälter ist – ach ja, und dieses Matchboxauto muss unbedingt mit, ohne das geht gar nichts. „Nun denn, wir ziehen uns an!“ „Nein! Ich bleibe hier! Ich bleibe alleine!“ „Wir wollten doch auf den Spielplatz! Was willst du denn sonst tun?“ „GAR NICHTS!!!“ Gar nichts heißt übersetzt: „Mama, ich bin gerade mies gelaunt und wenn ich jetzt nicht bald eine gute Beschäftigung finde, wirst du diesen Tag mit mir nicht sonderlich genießen können.“ Ich muss also versuchen, dem Garnichtskind Schuhe, Jacke, Haube anzuziehen. Währenddessen gibt es mir zu verstehen, dass es das gar nicht will. Es lässt sich wie ein toter Fisch fallen oder versucht wegzulaufen. Je nachdem, wie sehr es gerade gar nichts will. Währenddessen hoppelt das Minikind im Vorzimmer herum und ist nun doch umgefallen. „AAAAAAAHHHH!!!“ Es ist darüber sehr traurig und auch ein wenig zornig. Und weil der gellende Schrei so inspirierend ist, macht der Große einfach mal mit. Tränen abwischen, möglicherweise noch einen Wickel- oder Klodurchgang, möglicherweise noch mal schnell doch ein anderes Matchboxauto holen. Und dann geht es „auch schon los“.

Der Zwischendurchwahnsinn

Der Wahnsinn schleicht sich immer wieder ein. Der Große will mit seinem Unterhosenhut das Haus verlassen. Wir Eltern entdecken Flecken auf Textilien, von denen wir detektivisch herauszufinden suchen, welches Kind sie wann womit bedacht hat. Manchmal heißt der Wahnsinn auch, dass die Laune von einem der beiden, oder gar von beiden gleichzeitig, permanent auf Alarmstufe Rot steht. Meist hilft dann ein Situationswechsel. „Gehen wir doch schnell mal raus…“ (jaja, das kennen wir). Oder wir tanzen den Tanz des Wahnsinns. Den haben wir tatsächlich erfunden. Er sieht so aus, wie er sich anhört, und hilft uns manchmal aus einer verfahrenen Situation herauszutreten. Oder die Emotionen umzulenken. Humor ist generell nützlich. Schläft um fünf Uhr morgens jedoch meist noch.

Wahnsinnig schön

Unser Elternsein lässt uns diese gewisse Portion an Wahnsinn meist ziemlich cool in den Alltag integrieren. Wir stehen mit ihm auf, wenn wir das Oktopusbaby wickeln wollen. Wir gehen mit ihm raus, während er sich unter dem Unterhosenhut versteckt, und wir legen uns mit ihm im Gedröhn von Zahnungsschmerzen nieder. Alles ganz normal und okay. Meistens zumindest. Manchmal nicht. Wenn ich merke, dass ich gerade völlig lustlos und freudlos oder gar einfach nur genervt bin, versuche ich, meinen Fokus bewusst auf die Dankbarkeit zu lenken. Es ist mir geschenkt, Mutter zweier Kinder zu sein, die mein Leben in vielerlei Hinsicht aufregend bunt machen. Anteil an den Farbklecksen ihrer Lebendigkeit zu haben, ist ein Privileg, und ich weiß, dass ich gerade eine ganz besonders kostbare Zeit erleben darf.


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