Petra Schmied

Petra Schmied "Mein Tagebuch"

erzwungene zärtlichkeiten - meinefamilie.at
25. Januar 2021

Grüß Gott – Hallo – Bussi Bussi – Darf man Kinder zu einem Bussi zwingen?


Eigentlich wollte ich schon lange einen Beitrag zum Thema „Küssen innerhalb der Familie“ schreiben. Hier gehen die Meinungen weit auseinander: Ist es ok seinem Kind ein Bussi auf den Mund zu geben? Oder sind Küsse auf den Mund etwas Sexuelles, rein zwischen den Eltern? Und ist das Kind ungezogen, wenn es der Oma kein Küsschen zum Abschied geben will

Doch eigentlich hat Corona beim Grüßen ohnehin einiges verändert.

Letztens schüttelte meine Oma, also die Uroma, meiner 18-monatigen Tochter beim Verabschieden die Hand. Meine Tochter lachte und hielt es für ein lustiges Spiel. Da ist mir aufgefallen, dass meine Tochter das klassische Händeschütteln zum Begrüßen und Verabschieden überhaupt nicht kennt. Sie war acht Monate alt, als Corona ausgebrochen ist. All diejenigen Personen, die man in normalen Zeiten mit Hand begrüßt, werden seither mit Distanz gegrüßt. Lediglich Begrüßungen im engsten Familienkreis finden noch körperlich statt – und das auch nur in Ausnahmefällen. Aktuell ist niemand beleidigt, wenn er kein Bussi zur Begrüßung bekommt und trotzdem beschäftigt mich die Frage, wie ich das Thema mit Bussis (auf den Mund) bei meiner Tochter angehen werde.

Während mein Mann aus einer Familie kommt, bei der sich alle mit Bussis auf den Mund begrüßen, komme ich aus keiner Bussi-Bussi-Familie. Bei uns wird sich zum Begrüßen und Verabschieden eher in den Arm genommen. Als Kind gab es ab und an vielleicht ein „Gute-Nacht-Bussi“, aber auch das eher auf die Wange.

erzwungene zärtlichkeiten - meinefamilie.at

Die einzige Person, die ich auf den Mund küsse, ist mein Ehemann. Nun kommt meine Tochter langsam in das Alter, wo Bussis geben eine Rolle spielt. Natürlich sieht sie, wie mein Mann und ich uns küssen und auch zum Verabschieden oder beim Schlafen gehen, gebe ich ihr regelmäßig Bussis auf die Wange. Daher ist es auch für sie zu einem Spiel geworden, dass der Teddybär, die Puppe oder auch wir Eltern regelmäßig Küsschen bekommen. Natürlich möchte ich meine Tochter nicht abweisen und wenn sie mir ein Bussi auf den Mund gibt, ist das vollkommen in Ordnung für mich. Ich selber küsse sie aber nicht gezielt auf den Mund.

Grundsätzlich ist für mich beim Thema Küssen und Kinder wichtig, dass diese nur geküsst werden, wenn es auch für sie passt und vor allem, dass sie selbst entscheiden dürfen, wem sie wie ein Bussi geben möchten (oder eben auch nicht). 

In meiner Ausbildung zur Sexualpädagogin sind wir mit dem Beispiel, dass ein Kind seiner Tante kein Bussi geben möchte, dieses aber von der Mutter dazu genötigt wird, in die Thematik des sexuellen Missbrauchs eingestiegen. Ein typisches Szenario, dass die meisten Eltern kennen und wo niemand an sexuellen Missbrauch denkt. 

Erzwungene Bussis: Häufig macht man als Elternteil in solchen Situationen seinem Kind ein schlechtes Gewissen.

Häufig macht man als Elternteil in solchen Situationen seinem Kind ein schlechtes Gewissen: „Die Tante ist sonst ganz traurig, wenn sie kein Bussi bekommt. Sonst denkt die Tante, du hättest sie nicht lieb… etc.“ Natürlich ist diese Situation noch kein Missbrauch, doch aus präventiver Sicht, ist es wichtig, die Meinung des Kindes zu respektieren. Fühlt sich das Kind dabei unwohl, soll es auf seinen Körper hören dürfen. Ganz egal weshalb es der Tante kein Küsschen geben möchte, ob die Tante es dabei zu fest in den Arm nimmt, unangenehm riecht oder das Kind einfach keine Lust hat, dies ist zu respektieren. Ansonsten lernen Kinder von klein auf, dass (persönliche) Grenzüberschreitungen geduldet werden müssen und ihre innere Stimme nicht richtig ist. Viel wichtiger wäre es allerdings, Kinder in ihrem Körpergefühl zu empowern, selbst zu entscheiden, wer sie wo berühren darf und klar Stopp zu sagen, wenn ihnen jemand zu nahekommt.

Kinder sollen ermutigt werden, Stopp zu sagen.

Auch für mich war dieser Gedankengang bei meinem Sexualpädagogik Lehrgang neu, doch ich habe ihn mir zu Herzen genommen. Natürlich ist es nicht gleich Missbrauch, wenn man das Kind zu einem Kuss zwingt, aber es muss eben auch nicht sein. Ich halte die Botschaft „ich entscheide, selbst wen ich küsse und wen nicht“ für eine wichtige, die ich meinen Kindern auf alle fällt mitgeben möchte. Dies wird auch in späteren Jahren eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen.

Noch ist dies aber ohnehin noch kein Thema: Meine Tochter kennt quasi nur Fliegerbussis und alle Omas, Opas, Onkeln und Tanten werden beim Verabschieden und Begrüßen ausgiebig mit Fliegerbussis „beworfen“. Vielleicht behalten wir uns dies auch einfach nach Corona bei – wobei ich mich schon wieder drauf freue beim Grüßen richtig fest in den Arm genommen zu werden.



EIN ARTIKEL VON
  • Petra Schmied

    Nach meinem Lehramtstudium in Biologie- in Geographie habe ich bis zu meiner Karenz als Hortpädagogin an einem der wunderschönsten Ort in Salzburg gearbeitet. Es gibt nichts Schöneres als mit Kindern zu basteln, zu spielen und die Welt zu erkunden. Zudem bin ich als Sexualpädagogin tätig – einem Thema, das mich schon seit meiner Schulzeit begleitet. Mein Ehemann ist ein Jugendfreund von mir, mit dem ich die Leidenschaft des Handballsportes teile und gemeinsam als Jugendtrainer aktiv bin. Unsere kleine Tochter soll erst der Anfang unseres Familienglückes sein.


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