Markus Stegmayr

Markus Stegmayr "Mein Tagebuch"

CoronaWirhättennichtgedacht,wasunssoallesfehlt
28. April 2020

Corona: Wir hätten nicht gedacht, was uns so alles fehlt!


Die Zeit verstreicht. Mittlerweile sind schon zahllose Wochen mit Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen vergangen. Wir haben darunter gelitten, jetzt aber langsam wieder Hoffnung.

Wir hätten nicht gedacht, was uns so alles fehlt. Unsere Eltern sehen wir ansonsten schließlich auch nicht wöchentlich. Das ginge auch gar nicht. Dafür wohnen sie zu weit weg. Jetzt nach mehreren Wochen Kontaktsperre zu unseren Eltern und somit auch zu den Großeltern unserer Kinder, kommen uns die Tage ohne sie bleiern schwer und grau vor.

Sehnsucht nach unseren Eltern

Seltsam, denn an sich hatten wir es ursprünglich auch als eine wichtige Emanzipation für uns empfunden, dass wir beiden in einem gewissen Abstand zu unseren Eltern leben und unsere eigenen Gewohnheiten, Rituale und Strukturen in unserer eigenen Familie etablieren konnten. Niemand konnte uns gewissermaßen hineinpfuschen.

Jetzt ist es so, dass wir uns danach sehnen, Einflüsse und vor Ort Ratschläge von ihnen zu erhalten.Die Intensität, mit der sie, abgesehen von Anrufen, aus unserem Leben verschwunden sind, schmerzt.

Auch unsere Mädels (11 und 8) zählen die Tage, bis sie Oma und Opa Wiedersehen können und damit auch einen Ort betreten dürfen, an denen es anders ist als zu hause. Orte, an denen es manchmal zu viel Schokolade gibt. Orte, an denen man mehr darf als bei Mama und Papa. Orte, die nicht immer rational organisiert sind und die eher von der Ausnahme als von der Regel leben.

Loslassen

Das ist es auch, was uns am meisten Sorge bereitet. Unsere Mädels, die natürlich ihre Freundinnen und Freude ebenso sehr vermissen wie Oma und Opa, stehen, ob von uns gewollt oder nicht, im Grunde unterer ständiger Beobachtung und Obhut von uns und müssen sich auch an unsere Regeln halten. Das wird, man merkt es von Tag zu Tag mehr, mühsam für sie. Es wird über Kleinigkeiten diskutiert, grundsätzlich wird das Allermeiste, das bisher problemlos funktionierte, in Frage gestellt.

Mit Spaziergängen im Wald versuchen wir das auszugleichen. Dann versuchen wir, dass die Mädels entweder hinter uns oder weit vor uns gehen. So, dass wir ihnen Freiraum lassen. Dass wir ihnen sagen: Wir vertrauen euch. Schon allein in diesem Zusammenhang, dass sie genügend Abstand zu etwaigen Menschen, es sind wenige, lassen. Dass sie keine Verletzungen riskieren.

Es gelingt uns nicht immer. Wir müssten wieder mehr loslassen. Auch von unserer Rolle als Eltern, die in den letzten Wochen zu einem Dauerrolle geworden ist.

Hoffnung

Die sich daraus notwendigen Konsequenzen liegen also auf der Hand. Wir als Familie brauchen eine „Auszeit“, Räume und Menschen, bei denen es anders abläuft als in den letzten Wochen. Das, was lange Zeit funktioniert hat und es zum Teil immer noch tut, kollabiert jetzt nämlich zunehmend. Gewissermaßen ist die Situation paradox: Wir bestehen fast schon darauf, dass jeden Tag alles gleich abläuft und sich jeder an die Regeln hält, die alles zusammenhalten sollen. Zugleich aber hassen wir diese Regeln selbst mehr und mehr, da sie sich sozusagen verselbständigt haben.

Was gäben wir, unsere Kinder und wir, wenn jeder wieder andere Rollen einnehmen dürfte und Rahmen mit anderen Regeln bewohnen dürfte. Wir wären für ein paar Tage nur Paar, unsere Mädels wären für ein paar Tage nicht Töchter, sondern Enkelkinder.

Zudem könnten sie am Land bei den Eltern meiner Frau tatsächlich einmal ganz ohne Beobachtung umhertollen und einfach nur Kind sein. In unserer Stadtwohnung ohne Garten ist das so nicht möglich.

Warten auf den richtigen Zeitpunkt

Ein Hoffnungsschimmer ist jetzt da. Die Bundesregierung hat eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren in Aussicht gestellt. Somit ist es wohl bald wieder möglich, dass wir Freunde sehen und unsere Eltern besuchen. Es würde unser viel bedeuten. Und uns wieder ins Gleichgewicht bringen. Derzeit zählen wir die Tage.



EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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