Markus Stegmayr

Markus Stegmayr "Mein Tagebuch"

Corona: Endspurt oder, was wir gelernt haben
11. Mai 2020

Corona: Endspurt oder, was wir gelernt haben


Die Schule beginnt wieder. Wir haben es geschafft. Die Zeit überstanden. Doch was bleibt davon?

Am Anfang, daran erinnern wir uns als Familie kollektiv noch gut, war der Schock. Alles fühlte sich surreal an. Draußen war es nicht nur deutlich leiser als sonst, sondern fast schon totenstill. So still, dass man nachts kaum schlafen konnte. Die wenigen Spaziergänge in die Stadt, die wir aufgrund von notwendigen Erledigungen während der Gemeindequarantänezeit machen mussten, war gespenstisch. Keine Menschen auf der Straße. Innsbruck wie ausgestorben. Bilder, die sich uns eingeprägt haben.

Genau diese Bilder sind es auch, die wir nicht mehr loswerden wollen. Alles war urplötzlich auf Stopp. Wir haben hinterfragt, was wir wirklich brauchen und was nicht. Wir haben, notgedrungen, viel weniger gekauft. Wenn überhaupt, dann sind wir auf Online-Bestellungen ausgewichen. Insgesamt war die Menge der gekauften Produkte aber nicht im Geringsten vergleichbar mit dem Zeitraum vor der Corona-Krise. Wir haben uns auf das für uns Wesentliche fokussiert.

Beziehungen intensivierten sich in dieser Zeit

Paradoxerweise. Unsere Mädels haben zeitweise fast täglich mit Freundinnen gechattet, telefoniert und video-telefoniert. Natürlich hat das die Kontakte kompensiert, die sie in der Schule in dieser Zeit nicht hatten. Aber die Frequenz war zweifellos höher als sonst. Plauderte man in der Schule oft zwischen Tür und Angel, so gingen diese Gespräche, zumindest unserer Wahrnehmung nach, in dieser Krise tiefer. Zudem bemerkten wir, welche Leute uns wirklich fehlen und welche eher weniger.

Wen ruft man wirklich an? Wer tut einem gut? Wer lädt eigentlich nur die Probleme ab? Wer ist gar ein sogenannter „Energie-Vampir“?

Es hat sich in diesen Spannungsfeldern viel geklärt und herauskristallisiert. Zweifellos hat es jetzt schon Einfluss darauf auf die Entscheidungen, mit welchen Menschen wir uns umgeben und mit welchem zunehmend weniger.

Das Beste und das Schlechteste

Denn eines wurde deutlich: Wir haben uns als Familie besser kennen gelernt. Zwischendurch, als uns als Eltern die Kraft von Zeit zu Zeit ausging haben wir das auch ganz klar kommuniziert. Möglichst rational, manchmal aber auch mit Tränen der Erschöpfung und der Überforderung.

Unsere Kinder haben uns so schwach gesehen wie vielleicht noch nie. Aber letztlich auch so stark, dass wir dennoch alles auf die Reihe bekommen haben.

Man könnte auch sagen: So verletzlich und so menschlich waren wir in Gegenwart unserer Kinder noch nicht. So sichtbar, dass wir auch nur Rollen ausfüllen, manchmal besser und manchmal schlechter, ist diese Tatsache noch niemals geworden.

Überhaupt hatten wir den Eindruck: Bei Menschen um uns herum ist das Beste und das Schlechteste zum Vorschein gekommen. Einige wenige haben sich in Verschwörungstheorien versucht, andere waren allzu vorsichtig und/oder haben sich gar in Denunziantentum gegenüber denjenigen versucht, die Kindern mit kleinen Waldspaziergängen eine Form von Normalität ermöglichen wollten.

Dass in unserem engen Freundeskreis nichts davon passiert, hat uns bestätigt, dass wir als Familie hier auf dem richtigen Weg sind. Seit jeher ist unser Freundeskreis nicht riesig, sondern auf einige wenige Familien „reduziert“. Das sind aber Leute, denen wir praktisch blind vertrauen und von denen wir jederzeit alles haben können. Sie sind Diskussionspartner gleichermaßen wie Retter in der Not oder Babysitter, wenn es einmal gar nicht anders geht.

Was bleibt?

Auch an unsere „Projekte“ werden wir zurückdenken. Viele laufen davon jetzt aus. Wir haben für Arme gekocht oder haben befreundeten Gastronomen über die Krisenzeit der Gastronomie-Lokalsperre geholfen. Es hat sich gezeigt, dass gemeinsam mehr als gegeneinander. Auch wenn uns und vor allem mich als Selbständiger von Zeit zu Zeit auch Existenzängste geplagt haben.

Wir haben gelernt, wie es sich anfühlt, an der Grenze zu stehen. Zu merken, wenn alles zu kippen droht. Wir haben gelernt, uns im richtigen Moment zurückzuziehen oder einfach allein in den Wald zu gehen. Wir haben mehr gemeinsam gemacht und zugleich mehr darauf gehört, was uns gut tut und das auch kompromissloser als sonst eingefordert. Es war eine Zeit, in den wir viel gelernt haben. Über uns und unsere Kinder.



EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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