Vali Schwarzbauer

Vali Schwarzbauer "Mein Tagebuch"

Choleriker - kein Grund für Ausreden - meinefamilie.at
30. März 2016

Choleriker: Kein Grund für faule Ausreden


Es ist also offiziell: Ich bin Sanguinikerin mit starken cholerischen Zügen und melancholischen Momenten, die je nach Situation mehr oder weniger frontal herausbrechen. Das hat, kurz zusammengefasst, eine Temperamentsanalyse ergeben, die ich vor kurzem gemacht habe.

Nun ist es ja nicht so, dass das Ergebnis eine völlige Überraschung wäre. Schon als Kind galt ich immer als „die Lustige“ von uns Vieren (ich bin ja ein Vierling, das heißt, ich habe noch drei Schwestern, die zusammen mit mir aus dem Bauch unserer Mama gezogen wurden), wenn ich nicht gerade stockbeleidigt in einer Ecke saß, was mir auch den Beinamen „Mimose“ bescherte. In den letzten Jahren, und besonders seit ich als Mama mehr Verantwortung trage und mehr Stresssituationen ausgesetzt bin, kommt der cholerische Teil in mir verstärkt zum Vorschein – zum Leidwesen meiner Umgebung.

Ein Ergebnis, keine Entschuldigung

So freute es mich irgendwie sogar, dass dieser Test nun eigentlich schwarz auf weiß bestätigte, dass ich von Natur aus eben nicht die allerbesten Voraussetzungen mitbrächte, um all diese Emotionen in Zaum zu halten.

Das Testergebnis in der Hand schielte ich mit einem Siehst-ich-kann-ja-nichts-dafür-Blick zu meinem Mann hinüber, der mir völlig unbeeindruckt ein „Lame Excuse!“ zurückblinzelte.

Wie gerne würde ich absoluter Herrscher über meine Gefühle sein und nicht so oft wie ein Hurrikan toben, etwa wenn wir es wirklich eilig haben und unsere Kinder im Zeitlupenmodus stecken. Oder wenn mich im Straßenverkehr der überkorrekte Vordermann dazu zwingt, tatsächlich schon bei der grün blinkenden Ampel stehen zu bleiben. Wenn unser Siebenjähriger eine geschlagene Stunde für eine halbe Zeile Schreibschrift braucht, da just in diesem Moment jedes Staubkörnchen für ihn die Welt bedeutet. Geschweige denn, wenn nach einem Putztag beim Abendessen ein Bröserl nach dem anderen am Boden landet. Ja, da kann ich tatsächlich emotional werden.

Exotisches Atmen und verrenkte Rücken helfen nicht

Und was ich nicht schon alles ausprobiert habe, um ruhiger und entspannter zu werden: von diversen exotischen Atemtechniken bis zum Strampeln in einem Schlafzimmerrückzug (mit dem Ergebnis eines verrenkten Rückens, was die Situation auch nicht weniger emotional machte).

Nun jedoch kam das bahnbrechend Neue (für mich): Ich dachte immer, zwischen den Reizen, die auf mich einwirken, und meinen Reaktion gäbe es schlichtweg keinen Freiraum. Hier ist der Reiz – bamm! – hier ist die Reaktion. Unvermittelt. Unaufhaltbar. Und damit muss ich, und vor allem mein Umfeld, eben leben.

„Falsch gedacht!“, wie sich herausstellte. Da gibt es tatsächlich auch bei uns Impulsivos noch Platz zwischen diesen beiden Extremen, auch wenn dieser sicherlich weitaus kleiner ist als bei einem in sich selbst ruhenden Phlegmatiker.

Will ich wegen ein paar Bröseln auszucken?

Der Schlüssel hierfür lässt sich mit dem Wort Proaktivität zusammenfassen. Mein Mann schickt einen Siehst-hab-ich-dir-ja-gesagt-Blick. Ich ignoriere ihn erstmal.

Während der proaktive Mensch sich als Teil der Lösung sieht, bleibt der reaktive Mensch Teil des Problems. So war ich bisher davon überzeugt gewesen, dass mir stressige Situationen von sich aus keine Wahl ließen, anders als emotional und unüberlegt zu reagieren. Meine einzige logische Schlussfolgerung lautete daher: Weg mit dem Stress! Doch ein Leben ohne Stress bleibt hier vorerst wohl nur eine Utopie.

Und es geht ja auch nicht darum, stressige Situationen mit aller Gewalt zu verhindern, sondern entspannt und in Freiheit agieren zu lernen. Das heißt, den Pause-Button finden und bedienen können. Wenn der erst einmal gedrückt ist, dann ist der Rest peanuts.

Aber wie schaffe ich es nun, den Pausenknopf zu finden und dann auch rechtzeitig zu drücken? Der erste Schritt ist ganz einfach ein Paradigmenwechsel: Mein freier Wille kann meine Emotionen beeinflussen. Will ich wirklich wegen ein paar Bröseln so auszucken, oder spare ich mir meine Energien für wichtigere Anliegen? (Denn einmal wisch und weg und der Brösl ist weg.) Allein diese Erkenntnis hilft schon, mich nicht mehr so hilflos meinen Gefühlen ausgeliefert zu fühlen. Und der Rest ist Übung.

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EIN ARTIKEL VON
  • Vali Schwarzbauer

    Nachdem ich als Vierling aufgewachsen bin und unsere Söhne (3, 6) großziehen darf, kenne ich die Höhen und Tiefen einer Familie. Darüber zu schreiben, ist neben dem Homeschooling unserer Kinder eine willkommene Abwechslung. Was mich noch begeistert: Gott, mein Mann, Laufen, Erdnussbutter und ein gutes Buch.


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