Gottfried Hofmann-Wellenhof

Gottfried Hofmann-Wellenhof "Mein Tagebuch"

Bussi auf Kommando - meinefamilie.at
1. Juni 2016

Bussi auf Kommando


Stolze Eltern sind rührend, aber zugleich auch nicht unanstrengend. Am liebsten reden sie über ihren Nachwuchs. Auch wenn verständnislose Mitmenschen auf die Jubelmeldung, dass das Mädi erstmals aufs Topfi gegangen ist, mit totaler Teilnahmslosigkeit reagieren, sind sie kaum irritiert.

Ich selbst kann nicht über Heldentaten meiner Kinder berichten. Sie sind in meinen Augen zwar wunderbar gelungen, aber offensichtlich nur durchschnittlich begabt: Keines konnte vor dem Schuleintritt lesen oder schreiben, geschweige denn Balladen aufsagen oder multiplizieren.

Deshalb gerate ich niemals in Gefahr, meine Kinder irgendetwas vorführen zu lassen.

Kinderkunststücke funktionieren vor Publikum ohnedies selten.

Mit Oma und Opa unterwegs

Vor einiger Zeit war ich in einem Kaffeehaus interessierter, aber feige hinter einer Zeitung Deckung suchender Zuschauer folgender Szene: Oma und Opa sitzen mit ihrem Enkerl Mandi, vielleicht zwei Jahre alt, am Nebentisch und geben letzte Instruktionen: „Wenn der Onkel Karli und die Tante Grete kommen, gibst ihnen brav ein Bussi, gell?“

Der Kleine schüttet Zucker auf den Tisch, reagiert jedoch auf die Aufforderung indifferent: Er schweigt. Da betreten Onkel Karli und Tante Grete das Lokal. Herzliche Begrüßung zwischen den Erwachsenen, Mani schraubt weiterhin am Zuckerstreuer.

„Gibst dem Onkel und der Tante jetzt ein Bussi?“ Emotionslos absolviert Mandi seine Pflichtübung – jedoch nur zum Teil: Lediglich Karli kommt in den Genuss der einstudierten Liebesbezeugung. „Und die Tante bekommt keines?“, fragt die Oma aufmunternd.

Mandi, wieder am Zuckerstreuer hantierend, fühlt sich offenbar nicht angesprochen. „Du gibst jetzt auch der Tante ein Bussi!“, fordert der sichtlich nervöse Opa seinen Enkel auf.

„Aber ich bitt´ dich, das macht doch nichts“, wirft die verschmähte Tante begütigend ein. Zu spät. Der Opa ist bereits aufgesprungen, entreißt Mandi den Zuckerstreuer und herrscht ihn mit bebender Stimme an: „Wenn du nicht auf der Stelle auch der Tante ein Bussi gibst, fahren wir nach Hause.“

Mandi brüllt: Er will den Zuckerstreuer wiederhaben – und bekommt ihn auch.

„Ich weiß nicht, was mit dem Buben heute los ist. Sonst gibt er immer brav Bussi“, versucht die Oma die Niederlage zu erklären.

Der Opa hat sich doch stärker echauffiert, als ihm lieb ist. Er geht auf die Toilette.

In diesem Augenblick passiert es: Mandi beugt sich über den Tisch und küsst seine Tante. Gar nicht unwillig, sondern beinahe zärtlich.

Nächsten Mittwoch von Gottfried Hofmann-Wellenhof: “Auf den Spielplatz”

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EIN ARTIKEL VON
  • Gottfried Hofmann-Wellenhof

    Mit meiner Frau habe ich fünf Söhne, drei Töchter und einen Adoptivsohn aus Kamerun. Die Erfahrungen mit meiner Großfamilie teile ich in Kolumnen und Büchern. Meine Hobbys: Hometrainer, Fußballmatches meiner Söhne, Kochen und Lesen.


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