Markus Stegmayr

Markus Stegmayr "Mein Tagebuch"

auszeit von den kindern - meinefamilie.at
3. August 2018

Auszeit von den Kindern – Es ist doch alles in Ordnung, oder?


Sommerferien. Die Kinder sind weg. Bei Oma und Opa im benachbarten Bundesland bestens aufgehoben und versorgt. Eigentlich ist also alles in Ordnung. Doch die eigene Gefühlswelt als Vater sagt etwas anderes.

Endlich für einige Wochen keine familiären Termine mehr. Der Tag ist nicht mehr durchgetaktet und man kommt tatsächlich dazu das zu tun, was man wirklich tun möchte. Zumindest in beruflicher Hinsicht. Denn nach dem Meeting und nach der Pressekonferenz wartet jetzt kein privater Termin mehr, der einem zu mehr Hektik veranlasst als man es eigentlich möchte. Es ist jetzt sogar legitim einzelnen Aufgaben mehr Aufmerksamkeit zu schenken und die eine oder andere Formulierung im geplanten Zeitungsartikel noch einmal umzudrehen und gegebenenfalls zu erarbeiten. Nicht zu vergessen ist es nach getaner Arbeit außerdem möglich, einen ganz „egoistischen“ Feierabend zu begehen. Essen gehen, ein Feierabendbierchen zischen, Freunde treffen, Konzerte besuchen.

Doch etwas fehlt

Doch die Leere ist da. Tatsächlich ist es jedoch nicht vordergründig die Betriebsamkeit des Familienalltags, die man vermisst. Diese Geschäftigkeit, bei der man sich so fühlt, als wäre man ganz weit weg von sich selbst und seinen inneren Bedürfnissen und würde manchmal nur noch automatisiert funktionieren. Doch es sind die kleinen Augenblicke, die man im Alltag fast zu wenig und manchmal gar nicht mehr bewusst registriert. Es sind etwa die gemeinsamen Frühstückszeiten, die Augenblicke, in denen einen Kinder aus heiterem Himmel zum Lachen bringen oder die Momente, in denen man ihnen beim Spielen zuschaut und sich fragt, wo die Zeit hingegangen ist – und wie lange sie noch so unbeschwert spielen werden.

Dabei wird einem bewusst, dass die Kinder zwar zweifelsfrei Stressfaktor im Alltag sein können, sie aber zugleich auch wesentlicher Teil des „Alltagsrahmens“ sind. Fehlen diese Teile, dann fühlt man sich halt- und strukturlos. Die sich plötzlich auftuende Überzahl an Freizeitmöglichkeiten wirkt mehr wie eine Kompensation der Leere als eine Befreiung. Oftmals kapituliert man auch vor der Überfülle und macht gar nichts. Dann ist die Leere zwar nicht größer, wird aber schmerzhafter wahrgenommen.

Was tun?

Klar ist also schnell, dass nicht das Tun die erhoffte Schmerzlinderung bringt. Dieses Tun soll vielmehr von dem Kern des Problems ablenken. Die Geschäftigkeit des Familienalltages wird ersetzt durch die Geschäftigkeit eines temporären Single-Lebens. Zugleich hält man aber auch die eingetretene Ruhe und Stille kaum oder gar nicht aus. Es zieht einen förmlich hinaus aus den eigenen vier Wänden, in denen vor wenigen Tagen noch Kinderlachen und natürlich auch Streitereien zwischen Geschwistern auf der Tagesordnung standen.

Aussitzen

Es gibt eigentlich nur einen Weg: Trotzdem bleiben, die Stille aushalten, sich mit der momentanen Situation arrangieren und diese letzten Endes „aussitzen“. Dann stellt sich, irgendwann, tatsächlich der Dialog mit dem eigenen Inneren und den eigenen Bedürfnissen ein. Dann weiß man plötzlich, was man braucht und was nicht. Dann weiß man auch, welche Freizeitaktivitäten einem wirkliche Freude bereiten und welche nur Beschäftigung um der Beschäftigung Willen bieten. Dann kommt man in einen Zustand, in dem auch Schmerz und das Vermissen der Kinder immer präsent sein. Wie ein leiser, melancholischer Unterton, den man nicht loswird, das aber über die Tage weniger und weniger bestimmend ist und mit dem man zunehmend leben lernt.

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EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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