Gottfried Hofmann-Wellenhof

Gottfried Hofmann-Wellenhof "Mein Tagebuch"

Auf dem Spielplatz - meinefamilie.at
22. Juni 2016

Auf dem Spielplatz


Ich sitze auf einer Bank und sehe dem lustigen Treiben auf einem Kinderspielplatz zu. Ich bin ganz gelöst, ausnahmsweise bin ich ohne meine Kinder da. Die Akteure der kleinen Szene: ein Elternpaar mit Tochter Elisa (vielleicht 3) und Sohn Jan (5), allesamt in Designermode gekleidet; eine sechsköpfige Familie, Mutter mit Jutetasche und Latzhose, Kinder Aaron, David, Sarah und Josua, erfrischend schmutzig und ungepflegt, Vater mit Rucksack und Häkelhäubchen, von mir der Einfachheit halber im weiteren Verlauf der Geschichte als „der Alternative“ bezeichnet; sowie zwei Buben namens Zlatko und Zvonimir (beide etwa 7). Der Boden ist tief, es herrschen also – um die Sprache des Sports zu bemühen – „schwierige Verhältnisse“.

Elisa erklimmt die Rutsche, wird jedoch unmittelbar vor der Abfahrt vom spitzen Schrei ihrer Mama daran gehindert: „Ich bitt´ dich, Eli, du machst dir ja dein neues Kleidi ganz nass.“

Während nun der Vater des kleinen Modepüppchens in mühevoller Handarbeit mit seinem Taschentuch die Rutsche abwischt, beobachtet ihn Zvonimir gelassen, aber nicht ohne Interesse.

Abenteuer Wippe

In der Zwischenzeit haben drei Sprösslinge des Alternativen die Besteigung einer Wippe in Angriff genommen. Immer wieder wird durch das plötzliche Auf- und Absteigen ein Kleinkind in die Höhe geschnepft oder es schlägt nach rasender Talfahrt hart auf dem Boden auf.

Auch wenn die Situation nicht ganz ungefährlich erscheint, sieht der Alternative dem munteren Turnen eher gelangweilt zu: Seine betont entspannte Körperhaltung signalisiert jedenfalls, dass er eine pädagogische Führungsmaßnahme gegenüber seiner Nachkommenschaft keineswegs in Betracht zieht und am Prinzip der „Nicht-Einmischung“ konsequent festhält.

Ganz im Gegensatz zum Vater im edel knitternden Leinensakko: „Jan, hutsch nicht so hoch!“ Die Ermahnung scheint seinen Knaben nicht zu bremsen, ganz im Gegenteil – sie befeuert ihn geradezu.

Sein durchaus beachtlicher Höhenflug wird jedoch von der entschlossen zupackenden Vaterfaust jäh gestoppt und der Kleine vom Brett gerissen – was ein wildes Geheul zur Folge hat, aus dem nur die ständig wiederholten Worte „wieder hutschen“ hervordringen.

Nun sitzt Zlatko auf der Hutsche und zeigt mit lässig-routiniertem Schwungholen, wo tatsächlich der kritische Punkt der Spielanlage liegt.

Bäuchlings rutschen

Sarah und David haben soeben entdeckt, dass man auch bäuchlings rutschen kann. Josua wiederum liegt vor seinem auf einer Bank sitzenden Vater und tritt ihm leicht, aber beständig gegen sein Schienbein: „Ich mag ein Eis!“ Weder der Alternative noch seine seit geraumer Zeit den kleinen Aaron stillende Frau lassen sich durch so geringfügige Tätlichkeiten aus ihrer Ruhe bringen.

Da Jan nicht mehr hutschen darf, brüllt er anhaltend laut und kann auch durch das eher plumpe Ablenkungsmanöver seiner Mutter nicht besänftigt werden: „Schau, Schätzchen, da ist ein Pferdi. Willst nicht ein bissi reiten?“

Den Vater im edel knitternden Leinensakko hat der Spielplatzbesuch doch stärker mitgenommen, als es anfangs den Anschein gehabt hatte. Er zerrt seinen Sohn, der sich immer wieder der Hutsche nähern will, aus der Gefahrenzone und herrscht ihn an: „Wenn du nicht sofort ruhig bist, gehen wir!“ In Folge des anhaltenden Gebrülls kommt es zu einem überstürzten Aufbruch der Designergruppe.

Kurz darauf will auch das alternative Elternpaar den Spielplatz verlassen. Vater und Mutter versuchen mit Engelsgeduld ihre Kinder dazu zu überreden.

Sie wollen offensichtlich keinerlei Druck ausüben, um kein frühkindliches Frustrationstrauma auszulösen.

Stattdessen werden gemeinsam Lösungsmodelle besprochen – ein Unterfangen, das sich angesichts des Alters der kleinen Diskussionsteilnehmer nicht gerade einfach gestaltet. Als sogar die bewährtesten Argumente („Der Aaron ist schon ganz müde!“) an der Ignoranz der Kinder abprallen, werden diese schließlich von ihren Eltern – mehr weggeschleift als weggetragen – aus dem Bannkreis des Spielplatzes gebracht.

Zurück bleiben Zlatko und Zvonimir, die beide Abschiede mit Interesse verfolgt haben und sich nun fachkundig an mich wenden: „Können Sie froh sein, dass Sie keine Kinder haben…“

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  • Gottfried Hofmann-Wellenhof

    Mit meiner Frau habe ich fünf Söhne, drei Töchter und einen Adoptivsohn aus Kamerun. Die Erfahrungen mit meiner Großfamilie teile ich in Kolumnen und Büchern. Meine Hobbys: Hometrainer, Fußballmatches meiner Söhne, Kochen und Lesen.


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