2. Juli 2020

Schulschluss: Dieses Jahr ist alles anders

Schulschluss mal anders ...

Der letzte Schultag hat in einer Lehrerfamilie, in der es zeitweise bis zu vier Schul- bzw. Kindergartenkinder gab, naturgemäß eine besondere Bedeutung.

So habe ich mich jahrelang nach der obligaten Schlusskonferenz vor diversen Umtrünken schnell aus dem Staub gemacht mit der Bemerkung: „Die Zeugnisse meiner Kinder wollen bewundert werden und die Kinder gelobt, sonst strengen sie sich nicht mehr an.“ Diese Überzeugung habe ich bis heute, auch wenn die Jüngste nun den Schulschluss mit Freundinnen im Café feiert und mir so die Chance gibt, wieder an Umtrünken  kurz teilzunehmen, bevor ich heim eile, um sie zu loben.

Heuer wird es freilich zum Schulschluss nicht zu vermeiden sein, dass man böse Stimmen hört: „Jetzt waren die Schulen wochenlang zu, dann machen sie endlich auf und dann sind gleich Ferien. Hatten die denn nicht schon genug Coronaferien?“ Wer solche Kommentare abgibt, hat vermutlich kein Schulkind daheim und ist nicht Lehrerin oder Lehrer. Alle Betroffenen haben nämlich die zwölf Wochen der Coronasperre, davon elf Wochen Distance Learning, nicht gerade als „Coronaferien“ erlebt.

Schülerinnen und Schüler, die halbwegs motiviert waren und ihr Pensum erledigt haben, bestätigen alle, dass Distance Learning mühsam und ein vollwertiges Beschäftigungsprogramm ist.

Lehrpersonen, die ihren Job ernst nehmen, haben sich für die Home-School in kürzester Zeit neue Methoden einfallen lassen und neue Technologien erlernen müssen. Am Palmsonntag, nach drei Wochen Schulbetrieb von meinem Privatschreibtisch aus, saß ich zwischen unendlichen Bergen von ausgedruckten Home-Office-Abgaben und habe die Karwoche gebraucht, um wieder hinterherzukommen.

Meiner Tochter als Oberstufenschülerin ging es genauso

Statt Osterferien in Südtirol, hieß es E-Learning verbessern. Dabei hatten wir es noch gut. Ich konnte nur erahnen, wie es meinen zahlreichen Kolleginnen – und wenigen Kollegen – mit kleinen Kindern ging, die ihr Unterrichtspensum neben, rund um und mit den Kindern auf dem Schoß bewältigen mussten.

Dann haben wir uns langsam an das Leben vor mehreren Bildschirmen gewöhnt und es kam der Juni: Schichtunterricht!

Schule jeden zweiten Tag bzw. jeden Tag eine Gruppe in der Schule und eine daheim betreuen … Jeder Jugendliche wird einem bestätigen, dass das seinen Biorhythmus endgültig ins Schleudern gebracht hat. Noch dazu hat das Bildungsministerium nicht einfach die Devise ausgegeben: „Coronajahr bestanden.“ Nein, es mussten irgendwie Noten in der üblichen Bandbreite erstellt werden. Je nach Interpretation der gesetzlichen Vorgaben bedeutet das für die Schichtschülerinnen und -schüler Prüfungen oder testartige Leistungskontrollen, die nicht Test heißen durften und schon gar nicht Lernzielkontrolle, denn sonst hätten sie erst recht wieder keine Note erbracht und natürlich schon wieder Hausübungen Ende nie.

Einige Lehrpersonen hatten sich auch schon so an das E-Learning gewöhnt, dass sie nicht mehr aufhörten, zahllose elektronische Arbeitsaufträge online zu stellen. Auf der anderen Seite wurden Prüfungen zusammengestellt, Prüfungen korrigiert, elektronische Arbeitsaufträge zusammengestellt, elektronische Abgaben korrigiert … Zwischendurch saß man wieder gebannt vor den Nachrichten und wartete auf weiße Coronaelefanten, die irgendwo aus den Löchern kamen und neue Cluster bildeten, wodurch die Sorge in aller Munde blieb, dass es bald wieder neue Schulsperren geben könnte.

Zeugnisübergabe?

Und da gibt es natürlich noch die Frage, wie heuer die Zeugnisse überhaupt ausgegeben werden: mit der Grillzange? Im Ein-Meter-Abstand an einer Schnur? Im Schulgarten aus einem Korb geholt? Eine Kollegin wollte schon das ferngesteuerte Auto ihres Sohnes zum Einsatz bringen, eine andere den Staubsaugerroboter umfunktionieren. Auf keinen Fall dürfen jedenfalls Hände geschüttelt werden und außerdem hat die Klasse in zwei Gruppen zu erscheinen oder sich auf dem Schulhof in aufgemalten Kasterln aufzustellen.

So endet dann das Jahr, kein Ritus, keine Gesten der Zuwendung, nur ein paar hilflose Versuche, mit der Abstandsregelung klarzukommen.

Na, wenn da nicht die Kinder, wenn sie heimkommen, wen brauchen, der sie umarmt, der sie lobt, der sie lieb hat. Was wir jedenfalls alle nicht brauchen, sind die bösen Stimmen, die ätzen, dass wir „schon wieder“ Ferien haben. Wir alle brauchen sie, die Kinder ebenso wie die Lehrer und Lehrerinnen und auch die Eltern. Coronaschule war eine Herausforderung, wie wir sie noch nie hatten. Wir haben sie gemeistert und wir haben es verdient, jetzt einmal Urlaub von Computern und Schulbüchern zu machen … die  kleinen weißen Elefanten werden uns freilich auch dabei begleiten.



EIN ARTIKEL VON
  • Kerstin Kordovsky

    Ich bin verheiratet mit einem Religions- und Geschichtelehrer und Mutter von 4 Kindern und habe ein Enkelkind. Familie ist für mich das Netz, auf das ich mich verlasse, die Menschen, die ich liebe, der Ort, an dem man auch eine Krise überwinden kann. Seit 27 Jahren stecke ich meine Energieüberschüsse in die Öffentlichkeitsarbeit der Aktion Leben Salzburg.


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