21. April 2020

„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“

„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“

Was unsere Kinder neben Schulstoff gerade Wichtiges zu Hause lernen.

Ich hätte mir nie gedacht, dass dieser Satz, den ich vor knapp 20 Jahren im Lateinunterricht mühsam übersetzt habe, jemals irgendeine Bedeutung in meinem weiteren Leben haben würde:

„Non scholae, sed vitae discimus.“

Die Wochen verfliegen nur so. Kommende Woche erhalten wir weiteren Schulstoff und den Arbeitsplan für die nächste Zeit. Ich habe zwei Schulkinder zu Hause. Die Ferien waren ersehnt und haben uns allen gutgetan.

Das Homeschooling geht weiter

Für wie lange, ist noch ungewiss. Auch wenn ich selbst diese Zeit trotz aller Reibungen und Spannungen hier und da sehr genieße, weiß ich, dass manche Eltern gestresst sind und Sorge haben, irgendetwas falsch zu machen oder sich ängstigen, dass ihr Kind zu wenig Förderung erhält.
Euch allen möchte ich sagen: Tolle Arbeit mit dem Schulstoff, aber was euer Kind momentan für das Leben lernt, ist noch viel wichtiger.

Kontrollverlust

Wie erklärt man einem Kind Kontrollverlust?

Diese Krise hat das ganz von selbst getan. Unsere Kinder haben gelernt, dass der Mensch nicht allmächtig ist. Wir wissen viel, aber nicht alles. Spätestens jetzt wissen das auch unsere Kinder.
Eine wertvolle Erfahrung, die uns gegenüber Mutter Natur etwas demütiger macht.

Und vielleicht hat man es bis dato geschafft, das Thema Sorgen und Ungewissheit komplett vor den Kindern zu verbergen. Spätestens jetzt wissen sie, dass diese zum Leben dazugehören und man sie miteinander teilen kann, um sich gegenseitig zu stärken oder einfach gemeinsam etwas durchzustehen.

Hygiene

Habt ihr euch schon einmal dabei ertappt, nach dem WC-Besuch des Kindes zu fragen, ob es sich die Hände gewaschen hat? Jetzt ist das Händewaschen nach jedem Spaziergang, jedem Einkauf, jedem Müllwegtragen und jedem Klobesuch selbstverständlich.

Notwendigkeit

Was brauchen wir wirklich und worauf können wir warten?

In einer Zeit, in der man jederzeit alles haben kann, stellt man sich eine solche Frage wahrscheinlich selten. Unsere Kinder haben gelernt: Der Einkauf soll für zirka zwei Wochen reichen. Und so wurde gemeinsam überlegt: Was brauchen wir, wie viel brauchen wir davon und was käme als Alternative infrage, wenn das Gewünschte nicht verfügbar oder ausverkauft ist.

Das sind Fragen, die wir kaum im Familienrat besprochen hatten. Und die spannendste Challenge ist, den Einkauf gut einzuteilen: ein unbezahlbarer Lerneffekt. Wenn ich jetzt den vollen Kühlschrank und Vorratsschrank halb leer futtere, sieht die zweite Woche magerer aus. Dann sind die Kekse aus und ich muss auf Zwieback und Karotten zurückgreifen, wenn ich was knabbern möchte.

Wir hatten selten so wenig zu diskutieren, wenn es darum ging, Milch und Cornflakes zu verteilen. Es muss für alle genug da sein.

Haushalt

Mein Lieblingsthema: Meine Kinder haben gelernt, dass sich der Haushalt im Laufe des Vormittags nicht von selbst oder durch Zauberei macht, sondern dass dies oft harte Arbeit ist. Ja, die Hausarbeit wird in der Coronazeit in unserem Haus aufgeteilt. Jeder darf seinen Beitrag leisten. Und jeder darf einmal angenehmere und weniger angenehme Aufgaben übernehmen (Kloputzdienst ist nicht sehr bevorzugt). Auch das ist etwas, das man wahrscheinlich nicht in der Schule lernt.

Freundschaft

Was macht einen Freund aus? Wie pflege ich Freundschaften?

Wir haben gemerkt, dass es Menschen gibt, die wir richtig vermissen in dieser Zeit des „Social Distancing“. Jemanden zu vermissen bedeutet, dass dieser Mensch einem sonst nahe ist, dass ich ihn gerne mag. Unsere Kinder vermissen die Familie, am meisten Oma und Opa. Doch auch so mancher Freund und so manche Freundin ist nun von unschätzbarem Wert. Besonders diejenigen, die nach einem fragen, liebe Briefe schreiben, lustige Videos von sich schicken und sich ab und zu via Videocall zu einem kurzen, aber ganz ehrlichen „Ratscher“ mit uns verabreden. An dieser Stelle einen herzlichen Gruß an all unsere lieben Freunde! Erfahren, wie wertvoll ein Freund ist – das ist kein Lernziel im Lehrplan.

Hobby

Freizeitstress – das Wort ein Widerspruch in sich. Freie Zeit und Stress. Jetzt darf freie Zeit einmal Freizeit sein. Langeweile ist eine wichtige Erfahrung, um Platz und Raum für Kreativität und Fantasie zu schaffen. Ich staune, wie viel unsere Mäuse wieder einfach nur spielen. Unser Großer ist ständig am Schnitzen: Pfeil und Bogen für sich und alle Geschwister, Minifloß für den Bach, Kreuze für die Kartage usw.

Meine Tochter macht aus PET-Flaschen, alten Socken, Kleber und Glitzer, tolle neue Barbiekleider und unser Kleinster ist bei allem voll dabei und lernt so viel von den beiden größeren. Manch einer entdeckt neue Talente, andere vertiefen die ihren.

Gesundheit

Gesundheit ist nicht käuflich. Corona macht auch vor den Reichen und Schönen nicht halt. Das haben nun alle gelernt. Gesundheit kann ich durch meine Ernährung, durch Bewegung, durch Einhaltung der Hygienevorschriften unterstützen und versuchen sie zu erhalten. Das ist nicht auswendig zu lernen aus dem Bio-Buch S.43, das ist Learning by Doing.

Rücksicht und Empathie

24 Stunden nur die eigene Familie um sich zu haben bringt einen auch manchmal an seine Grenzen. Wir haben das erste Mal in Woche 2 der Corona-Ausgangssperre eine Familienratssitzung gemacht, in der jeder sagen durfte, wie es einem in der jetzigen Situation geht, was seine Wünsche sind und wo es einem nicht gut geht.

Es war eine so einzigartige Erfahrung, ganz unverblümt und ehrlich zu hören, woran die Kinder zu nagen haben im Miteinander und was sie sich wünschen voneinander.

Dann kam die Umsetzung, in der jeder gefordert war und immer noch ist, für sein Verhalten Verantwortung zu übernehmen und Rücksicht auf andere zu nehmen. Sich in den anderen hineinversetzen und ihn so besser zu verstehen in seinem Verhalten – das ist wirklich ein gewaltiger Lernprozess. Aber auch eigene Gefühle und Wünsche zu erkennen und diese dann klar auszusprechen.

Natur

Die Natur erwacht. Unsere Kinder werden sich ihr ganzes Leben daran erinnern, dass auf Winter Frühling folgt und dass dies die Zeit ist, in der die Natur zu neuem Leben erwacht.

So intensiv haben wir Fühlung wahrscheinlich noch nie erlebt.

Wir kennen jetzt unzählige Frühblüher und können beobachten, wie die Zugvögel langsam heimkehren (unser Highlight vergangene Woche war das Storchenpaar, das ganz dicht über uns flog). Frühlingszeit ist Paarungszeit im Tierreich, das wissen sie nun auch – zu beobachten bei jedem Besuch am Weiher. 2020 wird in die Geschichte eingehen, als das „Jahr des etwas anderen Lernens“.

Es gäbe noch viele andere Punkte, aber ich glaube, da fallen jedem selbst noch welche ein. Mit allem Negativen, welches diese Krise mit sich bringt, ist dennoch auch viel Positives in die Familien eingezogen. Werden wir uns bewusst, dass Wissen nicht nur mit Büchern erarbeitet wird. Wir dürfen stolz sein auf das, was unsere Kinder leisten mit unserer Begleitung, und immer wieder innehalten und staunen. Und wer dann und wann doch einmal ein Minütchen Zeit übrig hat, der darf gern etwas vom Neurobiologen Gerald Hüther zum Thema Lernen lesen, auf YouTube schauen oder sich anhören. Es lohnt sich allemal!



EIN ARTIKEL VON
  • Angelica Spießberger

    Ich heiße Angelica Spießberger, bin 33 Jahre alt, seit 2010 mit Thomas verheiratet und Mama von 3 wunderbaren, sehr aufgeweckten und temperamentvollen Kindern (2 Buben: 8 und 3 Jahre und ein Mädchen: 6 Jahre). Ich bin VS-Lehrerin und Religionslehrerin, derzeit aber Vollzeit-Vollblut-Mami.

    Meine Freizeit verbringe ich mit: meinen Kindern, Lesen, Wandern, Radfahren, Schwimmen und Garteln.
    Ich liebe: Meinen Mann, meine Kinder, Gott, Schokolade, Worship und unser eigenes Obst und Gemüse…



0 Kommentare
  • Marlies, 1. Mai 2020, 8:53 Antworten

    Super Artikel! Sehe ich genauso! Traurig, dass so vielen Leuten jetzt nur "fad" ist...

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