19. August 2021

Live-Konzerte: Mit Kindern gemeinsam hören und somit fördern


Musikalische Früherziehung. Kindgerechte Klassik. All das ist etwa geläufig. Doch warum geht man eigentlich so wenig mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam zu Live-Konzerten? Ein Plädoyer für den gemeinsamen Musik-Genuss.

Theorie gibt es viel. Dass Musik Herz und den Verstand bildet, scheint Konsens zu sein. Dafür nehmen Eltern auch gerne Geld in die Hand. Der Markt ist voll von Musik, die kindgerecht und meist häppchenweise serviert wird. Mozart ist offenbar nur mundgerecht serviert zumutbar und würde Kinder sonst überfordern. Ähnliches gilt für zahllose „Kinderkonzerte“, in denen jungen Hörerinnen und Hörern meist sogenannte E-Musik nähergebracht werden soll. Interaktive Elemente spielen dabei eine Rolle: Sie sollen den Musikhör-Nachwuchs damit auf lustvolle Weise eher schwieriger Musik nahebringen.

Pädagogische Ansätze und Erfahrungen

Der rote Faden dabei ist schnell sichtbar: Die Musik wird damit „pädagogisiert“ und aus dem quasi ungeschützten Rahmen von Live-Konzerten für Erwachsene in ein klar definiertes Umfeld transferiert. In diesem haben sich erfahrene Musikpädagogen und Musikwissenschaftler tausend Gedanken gemacht, welche Musik zu welchem Ergebnis und zu welchem Bildungs- und Faszinationsgrad von dem Nachwuchs führen soll.

(c)iStock

Das ist natürlich an sich löblich. Und es ist definitiv möglich, dass damit auch tatsächlich die Liebe zur Musik geweckt wird, das genaue Hinhören trainiert wird und die Kinder dann folglich zu mündigen Musikhörerinnen und -hörern werden. Doch was spricht dagegen, diese gut gemeinten Rahmen von Zeit zu Zeit auch gemeinsam zu verlassen und einfach nur Freude am Zuhören zu haben? Denkbar ist schließlich auch, dass Kinder und Jugendlichen bei Konzerten, die sie eigentlich überfordern müssten, ganz eigene Hörerfahrungen machen.

Ein Beispiel dazu: Ich war vor einigen Tagen mit meiner Tochter (13) bei einem Konzert, das aus Solo-Klavier Musik bestand. 70 Minuten voll technisch anspruchsvoller Musik, die zugleich im Jazz beheimatet war und zugleich auch die sogenannte Minimal-Music mitdachte.

Für Kinder ab 12 gibt es wenig Live-Musik-Angebot.

Mein Blick wanderte oft skeptisch zu ihr hinüber. Langweilte sie sich? War sie überfordert? Spielte sie, wie sonst so oft in Situationen, die sie fadisierten, mit ihrem Smartphone? Nein. Sie nickte leicht mit, hörte konzentriert zu und machte sogar ein Bild, das sie ihren Freundinnen schickte. Kurzum: Es schien ihr zu gefallen. Nach dem Konzert kamen wir uns Gespräch. Ich erklärte ihr kurz das Kompositionsprinzip des Pianisten und Komponisten und auch, welche Spieltechniken „Inside Piano“ und das präparierte Klavier, das stellenweise zum Einsatz kamen, mit sich bringen. Sie hörte interessant und aufmerksam zu.

Zwei Bemerkungen von ihr begeisterten mich. Zum einen meinte sie, dass die Musik so schön „fließend“ gewesen sei und das Konzert eigentlich fast zu kurz gedauert hatte. Damit verstand sie intuitiv auch, dass sich der Komponist mit der Technik des Ineinanderfließens und das organischen Wachsen-Lassens der Musik auseinandersetzte. Zudem meinte sie, dass sie nicht gewusst habe, dass „ein Klavier so klingen kann“. Diese Hörerfahrung schien sie als Bereicherung zu empfinden.

Fazit

Das alles bestätigte mich, dass man gemeinsam auch mal aus dem Rahmen fallen darf. Davon abgesehen gibt es für Kinder ab 12 ohnehin wenig musikalische Angebote, sondern lediglich die Musik, die ihnen von Social-Media und Freundinnen zugetragen wird. Damit sei nichts gegen Shirin David & Co. gesagt. Verteufeln darf man als Elternteil die Musik der Jugendlichen ohnehin nicht, wenn man nicht riskieren möchte, dass sie einen dann für lange Zeit aus ihrer Hör-Welt aussperren. Aber: Eine angeleitete und liebevolle Grenzüberschreitung hin zu anderen Hörerlebnissen, die man dann im Anschluss gemeinsam diskutiert, kann für beide Seiten sehr bereichernd sein.


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